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Wir am Ufer gegenüber eines Boulevards

Ja, wir trieben uns überall herum

Was blieb, war eine reizlose, planlose Ansammlung von Fabriken, Kasernen, modernen Wohnhäusern "Marke Nachkriegsbau". Breite Prachtboulevards durchziehen sie, doch sie haben keine Funktion. In ganz Albanien gab es kein einziges Privatauto. (Auch hier hat sich alles geändert). Heute fahren dort westliche Nobelkarossen so selbstverständlich durch die Strassen, als wäre es nie anders gewesen - siehe Bild oben. Besucher schätzten damals die "Verkehrsdichte" in Tirana auf etwa ein Auto pro Stunde. Hauptfortbewegungsmittel war das Fahrrad. Funktionäre benutzten es sogar als Dienst- fahrzeug. Selbst der "Schatten", der sich allzu neugierigen Touristen stracks an die Fer- sen heftet, fuhr damit hinter seinem Schützling her.


Hier mussten my Lady leider draussen bleiben, Frauen haben leider keinen Zutritt in die Moschee

Olivgrüne Uniformen nach russischem Vorbild prägten das Stadtbild. Ganz Tirana schien immer kurz vor der Generalmobilmachung zu stehen. Der Alltag war spartanisch einfach. Das vielzitierte Stalindenkmal mußte nach dem Krach mit den Sowjets umziehen - vom Skanderbegplatz zum Boulevard "Neues Albanien", dem Schauplatz von Massenaufmär- schen und Paraden. Böse starrt noch heute der rote Zar auf die Spaziergänger, die hier nach Feierabend auf und ab flanieren. Die Männer sehen häufig aus wie Karl Mays "Adlersöhne", mit Gesichtern, wie auf alten Holzschnitten, braungebrannt und wetter- gegerbt. Ausländer wurden damals schon von weitem an der Kleidung erkannt und scheu bestaunt. Heute nimmt man kaum noch Notiz von ihnen. Ein Gespräch kam damals eben- falls kaum in Gang. Es war zwar nicht verboten mit Touristen zu sprechen. Aber aus- drücklich erlaubt war es auch nicht. Doch auch das hat sich inzwischen geändert.

Damals: Olivgrüne Uniformen nach russischem Vorbild

Heute, nach dem Wandel: Tirana ist nicht wieder zu erkennen

Heute und nach dem Wandel schimmert Tiranas orientalisches Erbe abends jedoch mehr durch. Dann sind die Gehsteige gesäumt von hockenden Männern. Sie warten nicht mehr nur auf den Autobus oder den Beginn des Kinos. Oder einfach darauf, daß die Zeit ver- geht. Nein, auch in Tirana geht es mittlerweile sehr westlich zu. Vor der Wende nach Tira- na zu reisen war nicht so einfach. Kein mitteleuropäisches Reisebüro bot Pauschalreisen nach Albanien an. Kein Konsulat vermittelte ein Visa und Reisegenehmigungen. Nur durch Hintertürchen, etwa von Jugoslawien aus, waren kurze Omnibusausflüge in das Land der Skipetaren zu arrangieren. Miniröcke und Beatlefrisuren waren Gründe genug, Touri- sten die Einreise zu verwehren. (All das gehört der Vergangenheit an).


Über eine alte Brücke spazierten wir in den Stadtpark

Kein Wunder, dass Tirana bei Berichterstattern eine schlechte Presse hatte. Keiner, den es hierher verschlagen hat, versäumte es, sich über den Mangel an Abwechslung, das ärm- liche Warenangebot in den Läden, die verschlossenen Menschen, den Polizisten, der auf dem Skanderbegplatz einen nicht vorhandenen Verkehr regelte, die neuen Herren, (längst abgelöst) die sich in hermetisch abgeschlossenen Vierteln verschanzten, zu beklagen. Al- lenfalls wurde noch der milde albanische Kognak mit Zimtgeschmack lobend erwähnt. Er hätte ein Exportschlager sein können.


Doch fast alle vergaßen zu berichten, dass die Straßen Tiranas blitzsauber waren und es heute noch sind. Dass zwar Armut herrschte, aber kein Elend. Dass man nirgendwo von Kindern angebettelt wurde wie anderswo. Und dass bei allem Dogmatismus sich zum erstenmal in Albaniens Geschichte in den Straßen Tiranas etwas dokumentiert: ein Hauch von Lebensstandard der nach dem Wandel auch höhere Ansprüche erfüllt.


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