Der rote Ritter fand natürlich nur Spottworte für Parzivals kecke Heraus-forderung. Parzival ließ sich nicht abweisen und bestand auf seinem kühnen Anspruch. Plötzlich erklangen die Fanfaren und Parzival ritt dem Spötter ohne Furcht entgegen und stieg vom Pferd. Ein Knappe hatte ihm ein Kettenhemd besorgt. Er verlangte Rüstung, Waffen und Pferd des roten Ritters. Als er kühn Herrn Ithers edles Roß beim Zügel packte, stieß dieser zornig den Jungen mit umgekehrtem Lanzenschaft vom Gaule, so daß er rücklings ins Gras fiel. Aber schon stand Parzival auf den Füßen, schleuderte seinen Wurfspieß und traf in des Ritters Eisenhelm so geschickt die Spaltöffnung im Visier, daß die Waffe tief ins Haupt eindrang. Ither sank tot zu Boden. Mit dem jungen Sieger waren alle Zuschauer überrascht über den schnellen Sieg. Ein Knappe half Parzival, den Besiegten zu entwaffnen.
So wurde Parzival zum Ritter. Froh-gemut und ohne zurückzublicken ritt er in die Welt hinaus. Es drängte ihn, neue Abenteuer zu erleben. Gegen Abend sah der Reiter von ferne die Zinnen einer Burg im Sonnenglanz leuchten. Der Burgherr selber, der Ritter Gurnemanz, saß im Schatten einer Linde auf grünem Anger davor und blickte dem Ankömmling entgegen. Er war im Lande wegen seiner Lebenserfahrung und Altersweisheit und wegen seiner ritterlichen Tugenden geachtet und geehrt. Parzival grüßte ihn nicht nach Ritterart. "So hieß mich meine Mutter tun", sagte er dabei, und er setzte hinzu: "Und sie gebot mir, ein greises Haupt zu achten und die weisen Lehren des Alters anzunehmen. So bitte ich Euch um Euren Rat; ich werde ihm gerne gehorchen."
Mit freundlicher Nachsicht redete Gurnemanz dem unerfahrenen Jüngling dann zu. Parzival, der einfältige Tölpel, der bisher jedes Gebot seiner Mutter in treuherziger Wörtlichkeit aufgefaßt hatte, lernte in den Tagen, da er bei Gurnemanz zu Gaste war, feine Ritterart und gottgefälliges Leben, das den Menschen zum Seelenheil führt. "Die Art, wie Ihr von Eurer Mutter redet", belehrte ihn der Alte, "erhöht nicht Eure Ritterehre. Bewahrt Euch edle Scham! Das ist mein zweites Gebot an Euch. Schamlosigkeit führt den graden Weg zur Hölle. Nach Art und Haltung taugt Ihr wohl zum Ritter. Vergeßt dabei aber nicht das Hauptgebot ritterlicher Pflicht: Habt Erbarmen mit den Bedrängten! - Auch Milde und Güte zu erweisen ist Ritterpflicht! - Bewahrt Euch stets ein demütiges Herz und helft dem schuldlos Verarmten! - Der weise Mann versteht den rechten Mittelweg einzuhalten zwischen Geiz und Verschwendung!"