Auf seinen riesigen Fahrten und Abenteuerreisen durchquerte Gachmuret die persische und arabische Wüste und kam gar bis nach Damaskus. Dann wieder verschlug ihn der Seesturm an die Küste Afrikas, wo er im ehrenhaften Rittersold der schönen Mohrenkönigin stand: er gewann ihre Minne und befreite ihr die Hauptstadt von der Belagerung zweier feindlicher Heere. Aber trotz Ehren und Goldeslohn ließ die Abenteuerlust den tapferen Recken nir-gends stetig verweilen. In der spanischen Stadt Toledo vernahm er von dem Ritterturnier, das die Königin Herzeleide ausgeschrieben hatte. Sie war eine Witwe von berühmter Schönheit und hatte dem Sieger ihre Hand und das Königszepter zum Lohne geboten. Da meldete Gachmuret sich zum Wettkampf, und keiner der vielen Bewerber konnte seiner un-gestümen Kraft und Gewandtheit widerstehen: als Sieger errang er den ausgesetzten Preis.
"Warum sollen denn die armen Vögel sterben?" fragte Parzival betrübt seine Mutter. Da küßte sie ihn innig:
"Wie sollte ich wohl etwas gegen den Willen unseres höchsten Gottes tun?"
"O Mutter", rief er, "was ist denn das: Gott?" Und Frau Herzeleide ant-wortete: "Gott ist noch lichter als das helle Tageslicht, mein Sohn, dies merk dir als Lebensweisheit: Rufe ihn an in jeder Not; er wird dir immer getreulich helfen."
"Du sagst: Ritter," rief der junge Mensch; "so sag mir doch, wer denn Ritterschaft gibt!" Die Ritter mußten über sein einfältiges Fragen lä -cheln. Der Vornehmste unter ihnen aber gab wieder geduldig Antwort:
"Das tut unser König Artus. Kommt an seinen Hof, er wird Euch den Wunsch gern erfüllen." Wohlgefällig blickten die vier auf den edlen Kör-per des Jungen, dessen königliche Abkunft unverkennbar schien. Voller Neugier betrachtete Parzival Harnisch und Waffen der Ritter und weck-te wieder ihr Lachen durch seine einfältigen Fragen. Panzerringe und Brünne, Harnisch und Schild - alles war ihm ja ganz unbekannt. Nach -sichtig erklärten die Ritter ihm den Gebrauch von Schild und Schwert.
"Du sollst mit meinem mütterlichen Rat in die Fremde hinausziehen", sag-te sie und umarmte den geliebten Sohn inbrünstig. "So höre, was ich dir sage: Wenn du ohne Pfad daherziehst, so meide dunkle Furten; aber in die seichten und lauteren Furten kannst du kühn hineinreiten. Zum zwei-ten: Sei höflich gegen jedermann und entbiete jedem deinen Gruß! Zum dritten: Hab Achtung vor einem grauen Haupte und folge dem Rate des erfahrenen Alters! Und zuletzt: Wenn eine edle Jungfrau dir Ring und Gruß bietet, da greif getrost zu; ein Kuß in Ehren bringt gutes Glück. Und du sollst wissen, mein Sohn Parzival, daß du von königlichen Ahnen bist und daß es der hochfahrende Lähelin war, der dir dein angestammtes Erbe entrissen hat!" "Das werde ich rächen!" rief Parzival entschlossen. "Mein Wurfspeer soll ihn zu Tode treffen!" Da umarmte ihn die Mutter in Liebe. Er küßte sie zum Abschied. Doch als Jung-Parzival am Waldesrand ihren Blicken entschwand, sank Frau Herzeleide tot zur Erde; der Ab -schiedsschmerz hatte ihr das Herz gebrochen.
"Wie hat mir die Mutter angeraten?" sagte Parzival leise zu sich. Er dachte an ihre Worte von Gruß und Ring, und unbekümmert schob er den Vorhang beiseite, gab der Schlafenden einen Kuß und zog ihr dabei den Ring vom Finger. Frau Jeschute mußte wohl wach werden von der unsanften Berührung. "Was erlaubt Ihr Euch" Junker, mein Gemach zu betreten und mich durch Euren Kuß zu entehren?" fuhr sie voll Zorn und Scham auf. Doch Parzival kümmerte sich nicht um ihren Unwillen. "Meine Mutter lehrte mich so", versetzte er; "und außerdem habe ich Hunger." Da mußte die Herzogin trotz aller Kränkung lächeln.
"Dort auf dem Tisch findet Ihr Brot und Wein und auch zwei zarte Reb-hühner, die meine Dienerin mir brachte." Da setzte der ungebetene Gast sich zum Mahl und trank auch reichlich von dem Wein. Schamgefühl und der Gedanke an den Herzog ließ Frau Jeschutes Herz ängstlich schlagen: "Junker", bat sie, "gebt mir mein Ringlein zurück und zieht eilig Eures Weges! Trifft der Herzog Euch hier an, so wäre es sehr zu Eurem Scha-den!" Doch Parzival war unbesorgt. "Was sollte ich mich wohl vor dem Zorn Eures Gemahls fürchten, edle Frau? Wenn ich aber Eurer Ehre Schaden antue, so will ich Euch gern zu Willen sein und meines Weges gehen!" Entsetzt wich die Herzogin zurück, als er ihr zum Abschied wie-der einen Kuß raubte. "Der Kuß einer edlen Frau bringt Glück, hat mich meine Mutter gelehrt", so sagte er treuherzig, grüßte Frau Jeschute ehrerbietig und ritt davon. Er freute sich, den Rat seiner Mutter so trefflich befolgt zu haben
"Ich sehe, daß Ihr ein ritterliches Herz habt, Junker", erwiderte sie zag-haft; "so hört: Dieser Ritter, um den ich traure, war mein Verlobter. Er wurde vom Herzog Orilus erschlagen. Doch ehe ich weiterspreche, sagt mir, wer Ihr seid! Ihr scheint mir treue Eltern zu haben, daß Ihr so lie-bevoll Anteil zu nehmen wißt." Parzival erkannte in ihr Sigune, die Schwestertochter seiner Mutter. "Liebe Base", sagte der Junge voll Zorn und Mitleid; "ich werde dich an dem Herzog Orilus rächen. Zeige mir den Weg, den er geritten ist, so will ich ihn sogleich zum Zweikampfe stellen!"
Aber der Jungfrau war es schon leid, seine Kampfeswut geweckt zu haben, denn sie mußte ja fürchten, der unerfahrene Junge würde den Kampf gegen den grimmen Ritter nicht bestehen. So wies sie ihm den falschen Weg. Parzival aber machte sich voll Eifer an die Verfolgung und ritt die Straße, die ins Bretonenland führt. Und wer seinen Weg kreuzte, ob Ritter oder Kaufmann, den grüßte er mit höflichem Gruß und setzte arglos hinzu: "So hat mich's meine Mutter gelehrt." Gegen Abend kam der Junge, müde von dem langen Ritt, vor eine armselige Fischerhütte und bat um Obdach. Aber der Fischer, ein grober Geizhals, wollte ihn mit barschen Worten von der Tür weisen. Erst als Parzival ihm Frau Jeschu-tes Ring zum Lohn bot, wurde der ungefällige Mann gefügig. "Willst du mir morgen früh den Weg an den Königshof weisen, wo König Artus Ta-felrunde hält", setzte der Jüngling hinzu, "so soll dieser goldene Ring dein Eigentum sein." So kam Jung-Parzival vor die Stadt Nantes ins Reich des Königs Artus.