Aus Dankbarkeit für den Sieg in der Schlacht von Saint-Quentin am 10. Au­gust 1557 beschloss der spanische König Philipp II., etwa 60 km nord­westlich von Madrid ein Kloster zu Ehren des heiligen Laurentius zu er­richten. Sein Festtag ist der 10. August, und nach ihm wurde das Gebäude San Lorenzo el Real de El Escorial genannt. Mit dem Bau entsprach Phi­lipp II. auch einem Wunsch seines Va­ters Kaiser Karls V., der seinen Sohn 1558 auf dem Sterbebett gebeten hatte, den Habsburgern in Spanien ein Mausoleum zu errichten. Es war nicht leicht, das Projekt zu ver­wirklichen. Schon die Wahl des Orts stellte ein Problem dar, mit dem sich eine Gruppe von Technikern zu befassen hatte. Wegen seiner Nähe zu Madrid, der neuen Hauptstadt des Reichs, fiel die Wahl auf El Escorial. Die Gegend war außerdem reich an Wasser und Baumaterial. Auch die Wahl des Baumeisters gestaltete sich schwierig: Zunächst spielte man mit dem Gedanken, einen Italiener zu beauftragen, doch dann entschied man sich für einen Schüler Michelangelos: Juan Bautista de Toledo.
1562 stand der Entwurf für das Ge­bäude und die Arbeiten begannen am 23. April 1563. Als Assistenten von Juan Bautista de Toledo engagierte man Juan de Herrera. Nach dem Tod des Meisters übernahm de Herrera 1567 die Leitung des Projekts. Bis zum Tod von de Toledo waren die Südfassade und das erste Stockwerk des Hofs der Evangelisten fertig ge­stellt. De Toledo konnte dabei auf zahlreiche Helfer zurückgreifen. Zu seiner Zeit setzte sich die ab der Renaissance übliche Aufgabenteilung von Architekt und Bauleiter durch. De Herrera vollendete den Rest der Fassade und entwarf die imposante Basilika 1575-1582). Die Bauarbeiten dauerten über 20 Jahre und endeten am 13. September 1584.

Philipp II. war ein konsequenter Vertreter des Zentralismus. Er wollte mit dem gigantischen Palast nicht allein seiner Familie oder der spanischen Monarchie ein Denkmal setzen. Als hochgebildeter und strenggläubiger Katholik wusste er die Aussagekraft und den Symbolgehalt von Bauwerken wohl einzuschätzen. Für den Anhänger der Gegenreformation galt es, die Ideale der katholischen Monarchie zu verteidigen, die durch die Reformation, den protestantischen Merkantilismus und die antiabsolutistisch gesinnten Kräfte mehr und mehr in Frage gestellt wurden. Der Escorial sollte die Weltanschauung der Habsburger verkörpern, die zwar an vielen Punkten nicht mehr der sozialen und kulturellen Realität entsprach, die der König dafür aber umso verbissener zu verteidigen gedachte.
Während der Planungsphase zog man verschiedene architektonische Modelle der klassischen Antike sowie den Tempel Salomos, wie er in der Bibel beschrieben wird, heran. Ob dieser tatsächlich Eingang in die Entwürfe fand, wurde in der Ver-
gangenheit zwar viel diskutiert, konnte jedoch nicht geklärt werden. Jedenfalls meinten Zeitgenossen, diesen Archetyp biblischer Architektur im Palast von El Escorial wieder zu entdecken. Die ästhetische Gestaltung des Esco­rial zeichnet sich durch die Originalität gegenüber früheren Bauwerken aus, die eine erstaun-
liche Unabhänigkeit von italienischen Modellen beweist. Noch im 20. Jahrhundert wurde der Palast als beispielhaft an­gesehen. Zeitgenössische Dokumente belegen, dass der König selbst jeden Schritt der Bauarbeiten begutachtete, diskutierte und genehmigte.
Man wird dem Escorial nicht gerecht, wenn man ihn nur als imponierend bezeichnet. Zwar sind die reinen Zah­len schon aussagekräftig (die Anlage umfasst eine Fläche von 206 x 161 m), doch vermag eine nur quantitative Wahrnehmung des Palasts, der zu seiner Zeit als achtes Weltwunder galt, dessen eigentliche Bedeutung und Dimension nicht zu erfassen. Der Palast ist zweifellos eindrucksvoll, aber auch streng und massiv und unendlich weit von der Vorstellung entfernt, die spanische Kunst sei ausschweifend, üppig oder überwinde das Harmonieempfinden der Renaissance. Tatsächlich entfernt sich die spanische Architektur an diesem Punkt relativ weit von italienischen Vorbildern. Selbst die Kirchengewölbe haben kaum etwas mit der römischen Tra­dition gemein.
Auf den ersten Blick beeindruckt die enorme Masse grauen Granits und das Spiel
der Perspektiven von Haupt­und Nebenfassaden. Symmetrie be­stimmt den Bau, sie wird sichtbar bei Fenstern und Dachfenstern sowie bei den mächtigen Türmen an jedem Fas­sadenende. Der Mittelteil der Haupt­fassade ist leicht erhöht und hat Ein - und Ausbuchtung auf beiden Stock­werken. Dieser Bereich wirkt unge­achtet seines Materials und seiner Farbgebung ungemein dynamisch. Diese Architektur hat nicht viel vom dekorativen Geschmack der Renaissance, denn in Spanien gestaltete man den Eingangsbereich zu jener Zeit besonders gerne als Triumphbogen. Auch erinnert hier nichts an die für das barocke Spanien typischen Tore, die oft im Kontrast zur nüchternen Fassade standen.
Die Kirchenkuppel zählt zu den be­deutendsten des 16. Jahrhunderts auf der Ibe-
rischen Halbinsel. In die Kirche gelangt man über den Patio de los Reyes (Hof der Könige), eine Gestaltung, die der ideologischen Absicht nicht entbehrt. Der Hof bildet einen in sich geschlossenen Raum, der zur in­neren Einkehr einlädt. Diese Absicht entsprach durchaus der damaligen Zeit, in der die Mystik blühte. Über­haupt spielen die Höfe als offene und doch zugleich begrenzte Flächen im Gesamtkonzept des Escorial eine wichtige Rolle. Juan de Herrera nahm die Gedanken auf, die Francesco Paciotto im Zusammenhang mit dem italienischen Kirchenbau formuliert hatte, und inter­pretierte sie dahingehend, dass sich kein einzelnes Element dem Ganzen entziehen dürfe. Diese Maxime be­herrscht den gesamten Entwurf. Ein Zusammenspiel findet aber nicht allein zwischen den Räumen statt, sondern betrifft auch ihre Atmosphäre: Die Monumentalität des Patio de los Reyes kontrastiert zum Beispiel mit dem Hof der Evangelisten. Der Hof der Könige huldigt sechs Königen des Alten Testaments, die den Bau und die Verehrung des Tempels von Jeru­salem förderten. Er basiert auf einem von de Herrera abgewandelten Ent­wurf Paciottos. Demgegenüber wurde der Hof der Evangelisten von Juan Bautista de Toledo gestaltet. Er erinnert noch stärker an den italienischen Stil, dem die spanische Starrheit und Strenge fehlt.
Um den Escorial zu verstehen, muss man auch seine Kunstwerke betrachten. Der Palast enthält davon Tausende, die speziell für ihn angefertigt wurden, oder die Philipp II. und seine Nachfahren dorthin brachten. Erwäh­nenswert sind die Skulp-
turen der Mailänder Künstler Leone und Pompeo Leoni (Vater und Sohn) in der Kirche.Mehrfach gab Karl V. Arbeiten bei den beiden in Auftrag. Von ihnen stam-
men unter anderem auch die Bronzestatuen, die den Hochaltar zieren, sowie die Grabstatuen von Karl V. und seinem Sohn Philipp II., die sich perfekt in das von de Herrera geschaffene Szenario einfügen. Das Bauwerk erfüllte stets zwei Funk­tionen. Zum einen diente es als Klos­ter der Hieronymiten, die eine enge Beziehung zur Königsfamilie unter hielten. Da sie einen grossen Teil ihrer Zeit im Gebet verbrachten, hielt die Königsfamilie sie für Garanten des göttlichen Heils. Ab dem 19. Jahrhun­dert traten die Augustiner, die bis heute im Kloster leben, an ihre Stelle. Darüber hinaus war der Escorial aber auch Königsresidenz. Ursprünglich wollte Philipp II. ihn als Alterssitz nutzen, doch hielt er sich bereits ab 1571 häufig hier auf. Unter anderem logierte er während der Sommer­monate und der wichtigsten kirchlichen Feiertage im Escorial.
Viele wertvolle Kunstwerke gelangten aus privaten Beständen und von an­deren europäischen Höfen in den Escorial, wie Cellinis berühmtes Kruzifix, ein Geschenk des Großherzogs von Toskana aus dem Jahr 1586. Dekorateure und Freskenmaler, da­runter zahlreiche Italiener wie Luca Cambiaso, Pellegrino Tibaldi und Luca Giordano, verschönerten im Lauf der Jahrhunderte den Escorial. Philipp II. beauf-
tragte italienische Künstler (Gra­nello, Tavarone, Castello und Cam­biaso), die Schlacht von Higueruela (1431) zu malen, in der Johann II. die Mauren besiegt hatte. Die Szene, eine realistische Darstellung, nimmt eine ganze Wand der Galerie ein. Auch von seinem Sieg in Saint - Quentin ließ Philipp II. ein Bild anfertigen. Die Bibliothek fasziniert zunächst auf­grund ihrer Dimensionen, dann aber auch auf grund des offen- sichtlich funk­tionalen Konzepts, das ihr zugrunde liegt. Die Fresken von P. Tibaldi ver­leihen dem Saal überdies eine ganz besondere Atmosphäre. Zwischen 1587 und 1593 schuf der Italiener die Artes liberales im Deckengewölbe und die Allegorie "Die Theologie" über der Eingangstür.
Palast und Kloster bergen zahlreiche Schätze, unter anderem eine Vielzahl kostbarer Reliquien, die aus allen Teilen Europas stammen und dem König häufig als Geschenk übersandt wur­den. Sie machen deutlich, dass phi­lipp II. überall als Vorreiter des katho­lischen Glaubens galt. Die Gemäldegalerie des Escorial kann sich in vielen Bereichen durchaus mit der des Museo del Prado (Madrid) messen, das im Übrigen zahlreiche Bilder des Klosterpalasts ausstellt. Große spanische und ausländische Künstler wie El Greco, Velazquez, Tintoretto und Bosch, die am ehesten dem Geschmack der Habsburger entsprachen, sind hier vertreten. Eines der Werke, die eigens für den Escorial in Auftrag gegeben wurden, ist das "Martyrium des heiligen Laurentius" von Tizian. Es gefiel dem König jedoch nicht besonders und erhielt daher keinen Platz in der Kirche. Auch das "Martyrium des heiligen Mauritius und der Thebanischen Legion" (das dem König ebenfalls mis­sfiel) sowie der "Traum Philipps II.", beides Werke von El Greco, gehören zu den Auftragsarbeiten. Andere Bilder sind weitsichtige Erwerbungen, etwa die Gemälde von Ribera, die sich heute im Escorial und im Prado befinden.
Kostbare Bücher gehören ebenso zur Sammlung des Escorial wie wertvolle Hand-
schriften und einzigartige Inkunabeln. Wissenschaftler aus aller Welt führen hier Forschungsarbeiten durch. Den Grundstock der Bibliothek bildeten 4000 Bände aus der Privatsamm­lung Philipps II. Im Lauf der Zeit er­gänzten Diego Hurtado de Men-
doza, ein Schriftsteller und Gesandter in England, Venedig und Rom, der Historiker Jer6nimo Zurita und der Bibelforscher Arias Montano den Bestand. Montano leitete im Auftrag Philipps II. die Herausgabe der berühmten "Antwerpener Bibel", die Christophe Plantin in Antwerpen druckte. Außerdem katalogisierte er die Bibliothek des Escorial. Berühmt ist diese nicht allein aufgrund ihres umfangreichen Be­stands (ca. 130000 Bände), sondern auch, weil sich hier kostbare Raritäten und Schätze befinden. Dazu gehören Handschriften der heiligen Theresia von Avila, wichtige griechische Ko­dexe und eine einzigartige Sammlung arabischer Manuskripte aus Beständen der Bibliothek des Sultans von Marok­ko, die Philipp III. 1611 konfisizierte. Die Bibliothek vermittelt einen Eindruck von den Interessensgebieten des Königs. Die bescheidenen Räume, die er bewohnte, geben indes Aufschluss über seine Persönlichkeit.
Fast erinnern sie an Mönchszellen. Azulejos zieren die Wände bis zur hal­ben Höhe, darüber sind die Zimmer weiß verputzt. Der strenge Lebensstil des Monarchen, der ganz in seinen Pflichten aufging, kommt hier deutlich zum Ausdruck. Arbeitsgerät gibt es in Hülle und Fülle, ebenso wie Bücher, Stiche und Gemälde, die von einer nie befriedigten Neugier zeugen. Der Escorial repräsentiert nicht allein eine Epoche, sondern auch eine historische Persönlichkeit. Diese Verbin­dung war so stark, dass das Gebäude nach dem Ende der Dynastie der Habsburger in Misskredit geriet. Als die Bourbonen 1700 mit Philipp V. die Herrschaft in Spanien übernahmen, wollten sie die Räumlichkeiten des Escorial nicht einfach überneh­men und ließen daher im 18. Jahrhun­dert einen Teil des Palasts umbauen. Heute bewundern Besucher nicht zu­letzt die ausgefallene Sammlung von Teppichen, die nach Kartons von Goya entstanden. Ebenfalls beliebt ist die Casita del Principe, das Prinzenhaus, das der Architekt Juan de Villa­nueva im Jahr 1773 errichtete.

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Hochzeit in Madrid
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