Ritter Manfred erzählt aus seiner reichhaltigen Bibliothek!
Diese historischen Rahmenbedingungen sind jedoch nur ein äußerlicher Rahmen für die Handlung des Dramas. Der zentrale Konflikt des Werks ist das Zusammenprallen der christ-lich bestimmten mittelalterlichen Weltsicht mit dem noch latent untergründig vorhandenen (und in der Figur der Ortrud zum Ausdruck kommenden) germanischen Heidentum. Der überirdischen und idealen Welt des Grals, aus der auf magische Weise der Titelheld gesandt wurde, steht ein irdisches Jammertal, eine kriegerische Situation gegenüber, eine Welt des Unfriedens und des Misstrauens, von dem auch "reine" Seelen wie die Figur der Elsa nicht verschont bleiben.
"Erlaubt mir wiederum Einwand und Widerspruch, Herr Herzog. Eure Tochter ist nicht ohne Schutz. Wenn Ihr mit Recht meine Hilfe in Rat und Tat gelobt habt, so seht darin meine Treue zu Euch. Und brauche ich Euch zu versichern, daß diese Treue unwandelbar von Be -stand ist, auch wenn . . ." Herzog Gottfried blickte ihn an: "Fahret fort", befahl er. ". . . unwandelbar von Bestand ist, auch wenn das Schicksal Euch von dieser Erde abberufen würde! Meine Treue gilt auch dem, der nach Euch Euren Thron besteigen wird!"
Aufatmend blickte der alte Herzog seinen Vasallen an. "Solche Worte sind Labsal für einen Sterbenden", sagte er leise; "ich habe Euer Wort, Telramund. Laßt mich jetzt allein." Mit tiefer Verneigung schied der Graf von seinem Herrn. Als die Tür sich hinter ihm schloß, sank der Herzog in sich zusammen. Behutsam führten die Diener ihn auf sein Lager. Die Augen voll Tränen, beugte Elsa sich über den Sterbenden. "Du darfst nicht von mir gehen, geliebter Vater", rief sie aufschluchzend und bedeckte des Vaters Wangen mit Tränen. Mit inniger Rührung blickte er auf Elsa. "Weine nicht, mein liebes Kind", sagte er milde; "gegen den Tod sind wir Menschen ohne Macht, und für mich hat er seine Schrecken verloren, seit mich die drückende Sorge verlassen hat. Diese Sorge galt dir, Tochter . . ."
Doch mit finsterem, undurchdringlichem Blick, gestützt auf sein mächtiges Schwert, stand Graf Friedrich von Telramund aufrecht; er sprach nicht das Treuegelöbnis, das Elsa als Her-zogin rechtmäßig verlangte, und er zeigte sich nicht bereit, ihr zu huldigen. Die junge Herzogin zwang sich zur Festigkeit. "Ihr wißt, was Euer Treuegelöbnis von Euch verlangt, Graf Telramund", rief sie.
"Mir ist nicht bekannt, wovon Ihr sprecht, Frau Elsa. Doch Ihr wißt, was Euer Vater als sei-nen letzten Wunsch ausgesprochen hat: daß ich als Euer Gemahl an Eure Seite trete und als Herzog von Brabant den Thron Eures Vaters besteige!" Elsa erbleichte. "Wie könnt Ihr sol-che anmaßenden Worte, wie könnt Ihr solche abscheuliche Lüge wagen?"
Ungerührt blickte der Telramund sie an: "Wenn Ihr wahrhaftig seid, Frau Elsa, so müßt Ihr eingestehen, wer hier lügnerische Worte spricht. . ."
Elsa stand fassungslos. "Mein Vater hat Euch stets für einen ehrlichen Vasallen gehalten, Graf Friedrich", sagte sie leise; "Schande über den Lehnsmann, der die Schwäche seiner Herrin auszunutzen sucht." Damit wandte sie sich zum Gehen. "Ich werde mein Recht zu erzwingen wissen", rief der Telramund ihr nach.
"Ich heische Recht", klang seine Stimme über die Menge hin, "und erhebe Klage gegen Elsa, die sich Herzogin von Brabant nennt; ihr Vater, der Herzog Gottfried, hat sie mir vor seinem Tode als eheliche Gemahlin zugesagt."
"Und die Herzogin?" wandte Kaiser Heinrich sich an Elsa.
Doch bevor sie antworten konnte, hatte der Graf wieder das Wort an sich gerissen.
"Widerrechtlich verweigert sie mir die Ehe", gab er finster zurück. "Sie will in mir nicht mehr als den dienstpflichtigen Vasallen sehen!"
"An dem Worte, das ein hundertfach bewährter Ritter beschworen hat, kann der Kaiser nicht Zweifel hegen", erklärte Heinrich hoheitsvoll. "Doch die Gerechtigkeit gebietet, daß ich auch die Beschuldigte anhöre."
Elsa nahm alle Kraft zusammen, ihre Sache mit Überzeugungskraft zu vertreten. "Ich begeh-re nichts als mein Recht" sagte sie. "Was ich ausspreche, ist die Wahrheit."
Betroffen blickte der Kaiser auf die reine Schönheit, die aus ihren Zügen sprach. Er konnte nicht glauben, daß Graf Telramund, bewährt in so viel Ritterkämpfen, falsches Zeugnis able-ge, aber ebenso war er überzeugt, daß eine Herzogstochter wie die schöne Elsa die lautere Wahrheit aussage. Wie sollte er als Kaiserliche Majestät hier gerechtes Urteil finden?
Telramund scheute sich nicht, den Himmel zum Zeugen anzurufen, als er, der Herzogstochter gegenübergestellt, seine Forderung wiederholte. Auch Elsa blieb bei ihrer Aussage:
"Niemals hat mein seliger Vater, der nun in Gottes Frieden ruht, dem Grafen solche Zusage gegeben!"
"Hier versagt Menschenweisheit. Keiner wird sich bei solcher gleichen Aussage anmaßen dürfen, Richteramt zu üben. Jetzt muß ein Gottesurteil entscheiden", erklärte der Kaiser.
Da wandte sich der Kaiser an die Herzogin: ,"Und Ihr, Elsa von Brabant" ich frage Euch, seid auch Ihr damit einverstanden, daß ein Gottesgericht die Entscheidung fällt?"
Elsas Stimme hatte nicht die selbstbewußte Kraft des herausfordernden Telramund, aber sie zwang sich zur Festigkeit: "Ich stimme dem Gottesurteil zu!"
Der Herold trat in die Schranken und ließ wieder die Posaunen ertönen:
"Die Entscheidung in dem Rechtsstreit des Grafen Telramund gegen Elsa von Brabant obliegt einem Gottesgericht!" rief er. Und dann trat er wieder vor die Herzogin:
"So nennt mir, edle Fraue, den Streiter, der Eure Sache vertritt." Tiefes Rot zog jäh über Elsas Wangen. Wen sollte sie als Verfechter ihres Anspruchs namhaft machen? Wer würde es wagen, gegen Telramund, den kampfbewährten Recken, in die Schranken zu treten?
"So stellen wir öffentlich die Anfrage", gebot der Kaiser. Da nahm der Herold seine Trompe-te, setzte sie an den Mund und blies sein Ankündigungszeichen in alle vier Himmelsrichtun-gen. "In des Kaisers Namen gebiete ich wiederum Schweigen!" rief er. Und mit weithin schal-lender Stimme berichtete er den versammelten Edlen von dem Rechtsstreit zwischen Elsa von Brabant, der Herzogstochter, und Friedrich Graf von Telramund. "Ist jemand bereit, die Sache der Herzogin zu verfechten, der trete vor den Kaiser!"
Gespannt blickte der Herrscher über die Menge der erschienenen Ritter hin, mit gesenktem Kopf saß Elsa und wagte nicht, die Augen aufzuheben. Wie sehr entbehrte sie in diesem Au-genblick die gütige Zusprache des Vaters! Im Kreise der Ritter blieb es still. Niemand regte sich. Wieder erklang des Herolds Trompetensignal. "Ich wiederhole die Anfrage", rief er, für jeden vernehmbar. Doch wieder war sein Rufen vergeblich.
Zum dritten Male setzte der Mann seine Trompete an und blies in alle vier Winde, nach Osten und Westen, nach Norden und Süden. "Zum dritten Male frage ich an, wer bereit ist zum freiwilligen Kampfe für Elsa von Brabant. . .'' Sollte sich das Gottesgericht so schmählich ge-gen die Herzogstochter und rechtmäßige Herzogin entscheiden? Da - plötzlich ging eine Be-wegung durch die Reihen der Zuschauer, ein Raunen erst und dann erregtes Rufen: "Da, da"! Alle Blicke wandten sich zum Strome hin. Und siehe: Auf der Schelde nahte ein Kahn, in dem stand aufrecht ein Ritter in schimmernder Waffenrüstung. Und - o Wunder: Nicht Segel oder Ruder trieben das Fahrzeug - es wurde an silbernen Kettchen gezogen von einem silberglänzenden Schwan.
"Kehr jetzt heim in deine himmlischen Gefilde."
Gehorsam wandte sich das Tier zur Umkehr und schwamm den Strom hinab, wo er ins weite Meer einmün-det.
Der Ankömmling schritt in selbstbewußter Haltung durch den Kreis der Ritter auf den Thronsessel zu, beugte vor dem Kaiser das Knie und verneigte sich dann ehr-furchtsvoll vor Elsa, der Herzogin von Brabant. "Verstattet mir, edle Frau, Eure Sache zu verteidigen. Ich bin gekommen, Euch zu Eurem Recht zu verhelfen." Mit tiefem Erröten nick-te Elsa dem Fremden ihre Zustimmung zu. "Ich danke Euch" Herr Ritter", sagte sie kaum vernehmbar, "und ich vertraue mich Euch an in dem Gottesgericht, das über mein Schicksal entscheiden soll." Elsa atmete tief auf. So hatte ihr Traum sie also nicht getäuscht! Auch der Kaiser gab sein Einverständnis. "So nennt nach Ritterbrauch Euren Namen", sagte er zu dem Recken, der gegen den gefürchteten Grafen für Elsas Frauenehre in die Schranken zu treten bereit war.
"Ich bin Lohengrin", gab der stattliche Mann zurück und verneigte sich mit ritterlichem An-stand. "Vernehmet aber, ihr schönen Damen und ihr hochgeborenen Herren ringsum, was ich euch sagen muß: Über meine Herkunft darf ich nichts kundtun; ich habe die Gebote mei-nes Ordens beschworen, und diese binden mich zu strenger Verschwiegenheit." Des Kaisers Blick ruhte wohlwollend auf dem Fremden, der den riesenstarken Telramund im Kampf beste-hen wollte. "Niemand wird an Eurem Rittertum zweifeln", sagte er ruhig. Dann wandte er sich an den Herold. "Lasset sogleich die Schranken vermessen! Der Kampf soll beginnen!"
Auf des Herolds Zeichen drangen die beiden aufeinander ein. Ungeheuer war die Kraft, mit der Telramund sein Schwert niedersau-sen ließ, und er war es nicht gewohnt, daß ein Gegner seinen Streichen widerstand. Doch der Schwanenritter erwies sich als Meister behender, gewandter Schwertkunst. Der ungefüge Schlag des Brabanters glitt an seiner Klinge kraftlos ab, und im selben Au -genblick traf Lohengrins Waffe mit voller Kraft den Panzer des Gegners, daß der rie-senstarke Telramund wankte. Ein Raunen der Bewunderung ging durch die erregte Menge. Bisher hatte noch niemand Graf Telramund im Kampfe straucheln sehen. Des Kaisers Blick glitt zu Elsa hinüber, die neben ihm mit blassem Gesicht den Kampf verfolgte. Wie herrlich vertrat der fremde Ritter die Sache ihrer Ehre!