Für James Joyce dagegen, einen der größten Schriftsteller des Jahrhunderts, war Irlands Hauptstadt eine "gelähmte" Stadt. Es gibt keinen trostloseren Ort als sein Dublin. Nicht zu Unrecht. Bis in die jüngsten Tage war die Stadt erschöpft von den jahrhundertelangen blutigen Kämpfen zwischen Engländern und Iren. Erst die Spal-
tung Irlands, die Abtrennung Nordirlands mit dessen Hauptstadt Belfast im Dezem-
ber 1921, ließen es ein wenig zur Ruhe kommen.
Die Stadt am Liffey

Doch die Dramen von gestern lähmen noch das Dublin von heute. Im Grunde hat sich hier nicht viel geändert, seit Jonathan Swift, der Dichter von "Gulli­vers Reisen", Dekan an St. Patrick's Cathedral war. Rund um die Stadt sind ein paar neue Fabriken dazugekommen. Ableger ausländischer Industriegigan­ten, von der Regierung durch Sonder­vergünstigungen ins Land geholt. Ein paar hundert Arbeitsplätze mehr - die allgemeine Arbeitslosigkeit drückt nicht mehr ganz so wie früher. Doch nach wie vor teilt der bräunliche Fluß Liffey Dublin nicht nur in zwei fast gleich große Hälften, sondern auch in Arm und Reich....
Linkes Bild: Verwirrend wie bei Donald Duck: Hierhin, dahin, dorthin. Wir entschieden uns falsch, nämlich für "dahin" und da begann es zu regnen, so dass wir uns an einem Pub unterstellen mussten.
...Im Norden ­graue Slums, die langsam verfallen. Im Süden - die Feinen, das Geld. Hinter sorgfältig restaurierten Fassaden aus der eleganten Zeit des frühen acht-
zehnten Jahrhunderts leben die wohlhaben­den Nachkommen englischer Einwan­derer - wie immer ein wenig besser als der Rest der Iren.
Danach klarte es wieder auf und wir konnten weiter spazieren. Vorbei am Leinster-
house und am Trintity, wieder an einem der zahlreichen Pubs vorbei zum Rowlhouse und ans Parlament.
Noch immer verirrt sich nur selten ein Überseeriese an die paar Kais in der Liffey-Mündung. Nur altersschwache britische Frachter laufen die "Hafen­stadt" Dublin an. Sie bringen Kohle und holen Schlachtvieh. Und Fähr­boote aus Liverpool, voll mit heimwehkranken Iren. Noch immer müssen sie in englische Fabriksäle auswandern, wenn sie besser leben wollen als ihre Eltern. Dort sehnen sie sich dann das ganze Jahr nach Irlands Grün, seiner Menschlichkeit. Und deshalb fliegen sie im Urlaub nicht wie ihre Arbeits­kollegen nach Mallorca, sondern kom­men heim ins regen-
feuchte, bunte Dublin, nach Baile Atha Cliath, wie es auf gälisch heißt, die "Stadt an der Knüppelfurt" über den Liffey.
Impressionen von Dublin
Und plötzlich standen wir mittendrin in der O'Connell-Street.
Auf dieser Prachtstraße fühlt man sich als Fussgänger und als Besucher sowieso unwillkürlich ein wenig gehoben. Auch wir ertappten uns dabei, wie wir langsamer schritten statt nur zu gehen. Das aber hat seine Richtigkeit, denn die Strasse ist einer der letzten bedeutenden Boulevards, wenn nicht sogar der breiteste Europas. Auf dem großzügigen Mittelstreifen am Hauptpostamt GPO, wo der Osteraufstand von 1916 blutig endete, mag man es gern glauben. An dieser Stelle war sogar genug Platz für einen großen Brunnen. Er symbolisiert den Fluss Liffey als Sagengestalt Anna Livia von James Joyce. Die Dubliner (also nicht die von Joyce) nennen das Ganze aber respektlos "Floozy in the Jacuzzi" - Flittchen im Whirlpool. Siehe Bild unten
Da weiß man über den grimmigen Humor des Orts gleich Bescheid. Ein paar Strassen weiter nördlich brauchen ihn die Leute auch, den Humor. Denn während es überall in der City boomt, bröckelt die Stadt zum Rande hin noch immer. Es riecht nach Moder. Die Häuser haben schon bessere Zeiten gesehen. Bei deren Bewohnern sind und waren wir uns da nicht so sicher. Auf jeden Fall hat der wirtschaftliche Aufschwung die alten Dubliner Brüche noch nicht gekittet. Zwischen dem traditionell gut situierten Süden und dem rauen Norden, wo ewig Ebbe in der Kasse herrscht, klafft weiter eine Lücke.

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