Aber
es hielt sie nicht lange auf der friedlichen Burg. Denn sie erfuhren, daß
in den nahen Wäldern noch ein anderer Riese lebte, ein Vetter von
Grim mit dem Namen Sigenot. Ihn zu erschlagen schien dem jungen Dietrich
noch rühmlicher, als Grim und Hilde getötet zu haben. Denn Sigenot
hütete zwar keine Schätze, doch hieß es, er sei noch hundertmal
stärker als Grim und überdies mit einer Hornhaut gepanzert, die
von keinem Schwert durchdrungen werden könne. Bedächtig warnte
Hildebrand: "Laß ab von solchen Abenteuern! Wir wollen lieber
Hirsche jagen." Da lachte Dietrich auf und schüttelte das Haupt.
Es
hielt sie nicht lange auf der friedlichen Burg.

"So
will ich mit dir reiten", erklärte der Meister. "Mag sein,
daß du meinen Beistand brauchen kannst." Doch bei solchen Worten
schüttelte der junge Held das Haupt nur noch heftiger. Er gürtete
sich mit Nagelring, zwängte seine Lockenpracht unter den Helm Hildegrim
und rief, indem er die Halle verließ:"Bleib, Hildebrand! Bringe
ich Sigenot allein zur Strecke, ist mein Ruhm größer. Warte
hier. Bin ich in sieben Tagen nicht zurück, magst
du nach mir suchen
und mich rächen. Leb wohl!"
Als
Dietrich tief in den Wald eingedrungen war,
hörte er plötzlich
ein eigentümliches Brausen:

Als
Dietrich tief in den Wald eingedrungen war, hörte er plötzlich
ein eigentümliches Brausen: das war der Riese, der im Unterholz schnarchte.
Neben dem Schlafenden lag eine mächtige Stange aus gehärtetem
Eisen. So hoch waren Haupt, Brust und Glieder des Riesen, daß Dietrich
nicht über ihn hinwegsehen konnte, obgleich er zu Pferd saß.
"Ich könnte ihn im Schlaf erschlagen", sagte er zu sich,
während er den lebenden Berg umritt, "aber das würde mir
nur Schimpf und Schande einbringen." So stieß er lieber laute
Schreie aus und sprengte mit seinem Roß gegen des Riesen Wanst. Im
Nu war das Ungeheuer auf den Beinen, raffte die Stange auf und schlug mit
ihr auf Dietrich ein. Wohl hielt Hildegrim den Schlägen stand, aber
auch Nagelring prallte an der Haut des Riesen wirkungslos ab.
"Bist du
nicht der Mörder meines Oheims Grim?"schrie der Riese und holte
zum vernichtenden Schlag aus. Doch Dietrich sprang flink zur Seite - der
Riese fiel platt auf den Bauch, und seine Stange flog in weitem Bogen in
den Wald. Wütend erhob Sigenot sich und wehrte sich gegen Dietrichs
kühne, aber fruchtlose Streiche dadurch, daß er Bäume samt
den Wurzeln ausriß und mit ihnen auf den Gegner einschlug. Immer
mehr Bäume verwendete er als Waffen, immer größere, bis
Dietrichs Schwert sie nicht mehr entzwei zu schlagen vermochte.
Da erfaßte
den Helden unsagbarer Zorn - Feuer fuhr in breitem Strahl aus seinem Mund
und zerschmolz des Riesen Haut. Schon wollte Dietrich Nagelring in die
erweichte Stelle schlagen, als der Riese mit einem gewaltigen Satz davon
sprang, aus seiner Höhle Helm und Waffen holte und sich sogleich wieder
zum Kampf stellte. Jetzt gelang es Dietrich, des Riesen Schild zu spalten.
Sigenot aber schlug ihm darauf mit der Keule das Schwert aus der bereits
ermatteten Hand - Dietrich war wehrlos in seiner Gewalt. Der Riese fesselte
den Helden mit Stricken und schleppte ihn zu seinem Felsenhaus. Dort klaffte
ein tiefer, stockfinsterer Abgrund mit glatten Wänden, in den er den
kecken Angreifer hinabwarf. Dann hängte er Nagelring und Hildegrim
an einen Vorsprung der Felswand und freute sich, seinen Oheim gerächt
zu haben.
Dietrich
fordert Sigenot zum Kampf.

Inzwischen
hatte Hildebrand voll Bangen die befohlenen sieben Tage abgewartet. In
der Frühe des achten brach er schließlich auf, um seinen Zögling
und Herrn zu suchen. Im Wald kam ihm Dietrichs Pferd reiterlos entgegen.
Da wußte Hildebrand, daß es schlimm stehen mußte. Und
plötzlich brüllte ihn eine dröhnende Stimme an:
"Da kommt
ja der zweite Mörder! Der andere wartet schon auf dich! Komm nur näher,
damit ich auch dich fassen kann!"
"Wo ist
Dietrich?" unterbrach ihn Hildebrand mit zornbebender Stimme.
"An einem
Ort, an dem es so rabenschwarz und finster ist, wie es dir gleich vor den
Augen sein wird", antwortete Sigenot gereizt und schlug mit seiner
Stange nach dem Waffenmeister. Sie kämpften viele Stunden lang miteinander.
Wohl gewahrte Hildebrand die Stelle, die Dietrichs Feueratem aus des Riesen
Hornhaut geschmolzen hatte, aber es gelang ihm nicht, sie mit dem Schwert
zu treffen, weil Sigenot jedesmal, wenn Hildebrand gewaltig ausholte, hinter
einem stämmigen Baum Deckung suchte. Als der Riese merkte, daß
Hildebrand nicht zu besiegen war, riß er wiederum Bäume aus
und bildete aus ihnen einen immer höheren Wall rund um den Gegner,
der bald darin gefangen saß. Darauf schlug Sigenot von oben her solange
auf den Feind ein, bis dieser bewußtlos zusammenbrach. Nun konnte
er ihn bequem an seinem krausen Bart am der Falle ziehen, fesseln und heimwärts
schleppen. In der Höhle angelangt, legte Sigenot den Recken auf den
Boden. Dann kramte er in seiner Waffenkiste, um eiserne Ringe zu suchen,
mit denen er den Helden noch stärker fesseln konnte. Da sah Hildebrand
Dietrichs Helm und Schwert am Felsen hängen, und der Schmerz, den
dieser Anblick in ihm weckte, verlieh ihm solche Kraft, daß er die
Stricke zu dehnen vermochte, Hände und Füße freibekam,
aufsprang und Nagelring von der Wand riß. Jäh wandte Sigenot
sich um und wollte sich auf den Befreiten stürzen. Aber zu spät:
Hildebrand zielte blitzschnell auf die weiche Stelle in der Haut des Riesen,
und noch ehe Sigenot nach einer Waffe langen konnte, fuhr ihm Nagelring
in den Leib. Er sank tot um und fiel dröhnend zu Boden.
Nun rief Hildebrand
laut nach Dietrich. Endlich hörte er eine schwache Stimme antworten,
beugte sich voll Bangen über den Rand des Abgrunds und seufzte erleichtert
auf, als er seinen Herrn vor sich sah. Rasch suchte er an Riemen und Stricken
zusammen, was er in der Höhle finden konnte, knotete sie aneinander
und ließ das so gewonnene Seil in die Tiefe hinab. Bald konnten die
beiden Helden einander voll Freude umarmen.
"Mich ärgert
nur", erzählte Hildebrand lachend, "daß mich der
Kerl wie einen Lumpen am Bart genommen hat. Hätte ich das vorausgesehen,
mit meinem Schwert hätte ich mich zuvor kahl geschoren. Nun, jetzt
zaust Sigenot gewiß niemanden mehr, auch Herrn Dietrich nicht, meinen
herzlieben Freund."
Denn ein so gewaltiger
Held Dietrich auch war, Bart wollte ihm keiner sprießen, bis zu seinem
Tode nicht. Vergnügt ritten sie miteinander heim.
Vergnügt
ritten sie miteinander heim, vorbei an staunenden Wachen und Rittern.

Doch
noch ein drittes Mal sollte Dietrich einem Riesen im Kampf gegenüberstehen.
Er hieß Ecke und war kein ungeschlachter Höhlenbewohner wie
die anderen, sondern ein ritterlich gebildeter Mann von so gewaltigem Wuchs,
daß er mit seinen riesigen Beinen wie der Sturm über Berg und
Tal brausen konnte. Tief im Wald verborgen, auf Burg Jochgrim, hausten
drei Riesenfräulein. Mit Jungfer Seeburg, der jüngsten von ihnen,
war Ecke verlobt; die beiden anderen waren die Bräute seiner Brüder
Fasolt und Ebenrot. Eines Tages saßen die drei Paare beim Mahl auf
Jochgrim beisammen und sprachen von Dietrichs Heldentaten. Da sprang Ecke
wütend auf und schrie:
Ecke
und Jungfer Seeburg. Die andere gehörte zu Fasold - Eckes Bruder.
"Ich
kann nicht länger anhören, daß dem kecken Jüngling
kein Riese gewachsen sei! Auf der Stelle würde ich ihn suchen und
ihm den Garaus machen." Jungfer Seeburg freute sich, daß ihr
Bräutigam tapferer und wagemutiger war als seine Brüder, und
half ihm selbst, den Harnisch anzulegen. Dann reichte sie ihm den baumlangen
Speer und den Schild, auf dem ein Ochsengespann Platz gefunden hätte.
Auch wollte sie ihm ein Riesenpferd aus dem Stall führen. Ecke aber
lehnte es ab, zu reiten.
"Meine
Beine sind schneller als dein schnellstes Roß", meinte er lachend,
"ich laufe mit dem Habicht um die Wette und hole Dietrich ein, mag
er auch noch so flink vor mir fliehen." Hirsch und Reh, Eber und
Wolf stoben nach allen Richtungen davon, als der Riese durch den Wald stürmte.
Eule und Uhu, Häher und Specht schwirrten voll Angst hoch, so schaurig
klirrte seine Rüstung. In Bern angelangt, erfuhr Ecke, daß Dietrich
sich im Land Tirol befinde. Schnurstracks lief er dorthin. Tief im Gebirge
stieß er auf einen verwundeten Ritter, neben dem drei Gefallene lagen.
Er betrachtete ihre tiefen Wunden und fragte neugierig: "Wer hat
euch so furchtbar geschlagen? "
"Dietrich
von Bern", lautete die Antwort des Ritters. "Wir haben gewagt,
ihn anzugreifen." Diese Worte und der Anblick der Erschlagenen stachelten
Eckes Kampfgier bis zur Glut. "Heute noch muß ich den Mann
finden", tobte er, "und morgen bei Sonnenaufgang lege ich ihn
meiner Braut zu Füßen, tot oder gefangen." Als es Abend
geworden war, traf er den Gesuchten endlich auf einer lieblichen Lichtung.
Er forderte ihn unverzüglich zum Zweikampf heraus. Dietrich aber entgegnete:
"Warte doch bis morgen früh, denn ich habe heute schon drei
Waghalsige erschlagen und bin müde."
"Morgen
früh, wenn die Sonne aufgeht, will ich dich bereits tot oder gebunden
zu Jungfer Seeburg auf Jochgrim bringen!" erwiderte Ecke finster.
"Fürchtest du meine Stärke, weil du um Aufschub jammerst,
oder willst du mir gar bei Nacht heimlich entlaufen? Ich wußte nicht,
daß Dietrich von Bern Angst vor Riesen hat."
Dietrichs
Kampf mit dem Riesen Ecke.

Die
Schmähworte brachten den Helden in Harnisch. Er hieb mit Nagelring
so gewaltig auf
des Riesen Schild, daß die Funken stoben. Auch Ecke
zauderte nicht, und so erhellten die Flammen den finsteren Wald, die aus
ihrer beider Rüstungen fuhren, wenn die Schwerter darauf niedersausten.
Wie ein Gewitter war dieser Zweikampf, es dröhnte und blitzte - keuchend
hieben die Streiter einander Stück um Stück ihrer Wehr vom Leib.
Doch endlich gelang es Dietrich, Ecke mit einem fürchterlichen Streich
zu Boden zu schmettern.
"Gib dich
in meine Hand und sei mein Gefolgsmann!" rief er dem Riesen zu. Aber
Ecke dachte nicht daran. Er zerrte den Helden zu sich herab und rang mit
ihm; mit beiden Händen zog er Dietrichs Wunden so weit auseinander,
daß dem Berner vor Schmerz schier die Sinne schwanden. Doch als sich
der Riese eine Blöße gab, gelang es Dietrich endlich, seinem
Gegner den Helm abzustreifen und ihm mit dem Schwertknauf auf den Schädel
zu schlagen. Benommen und unfähig, sich weiter zu wehren, seufzte
Ecke: "Du bist wahrlich der beste Recke unter der Sonne. Nun ist
mein kostbares Schwert Eckesachs, die herrlichste Klinge die je ein Riese
führte, dein. Nimm die Waffe und führe sie mit mehr Glück
als ich."
Dietrich schmerzte
die tiefe Traurigkeit des Riesen. "Ergib dich", bat er nochmals
"ich will dich nicht töten. Komm als mein Gefolgsmann mit mir
nach Bern." Aber Ecke war zu stolz um Dietrichs Gefangener zu werden
zu sehr schämte er sich vor Jungfer Seeburg. Darum schüttelte
er abermals das Haupt und er zeigte dem Sieger die einzige verwundbare
Stelle in seinem Hornpanzer. Da stieß Dietrich dem Riesen das Schwert
Nagelring mitten ins Herz. Als die Morgensonne die Bäume und Felsen
rötete begrub Dietrich den Riesen unter einem Haufen von Zweigen.
Es tat ihm leid um den herrlichen Streiter. Dann nahm er das Schwert Eckesachs
an sich und ritt langsam gegen Jochgrim um der Jungfer Seeburg die Nachricht
vom Tod ihres Bräutigams zu überbringen.


