Die Fürsten rufen    Die Fürsten rufen
Europa im Mittelalter
"Die bäuerliche Ostsiedlung war Teil des umfassenden, alle europäischen Län-
der ergreifenden Ausbauprozesses. Im Gegensatz zu Heidenkampf und Mission gehörte ihre Förderung nicht zu den traditionellen Königspflichten. Hinter ihr stand denn auch kein richtungsweisender Herrscherwille. Was im Rückblick wie eine breit angelegte, raumergreifende Expansionspolitik erscheinen mag, setzte sich in Wirklichkeit aus einer Fülle klein räumiger Einzelinitiativen zusammen, bei denen lokale Grundherren und Fürsten siedlungswillige Bauerngruppen unter Führung eines "Lokators" anwarben."
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    Das frühmittelalterliche Westeuropa ist aus-
    serordentlich dünn besiedelt. Nur wenige Flä-
    chen werden landwirtschaftlich genutzt, selbst kultivierte Gebiete verwildern wieder, weil es an Menschen mangelt die sie bewirtschaften. Die Lage ändert sich ab dem 11. Jh. Mit der Befrie-
    dung des Kontinents nach außen - Sarazenen, Normannen und Magyaren sind abgewehrt - setzt um 1000 bis ca. 1315 ein bemerkenswerter Bevöl-
    kerungszuwachs ein. In den bereits dichter besie-
    delten Gegenden Englands und Frankreichs steigt die Bevölkerung um das Dreifache, in Sachsen sogar auf das Zehnfache. Durch intensive Boden-
    bewirtschaftung, Rodung der Wälder, Trocken-
    legung von Mooren und Eindeichung von Küsten-
    gebieten an der Nordsee gewinnen die Siedler mehr Kulturland. Neue Technologien, zum Teil aus dem fortschrittlichen Frankreich, aus der Ile de France um Paris, kommen zum Einsatz: der schollenwendende Pflug, die Wassermühle u.a.
Neue Technologien, zum Teil aus dem fortschrittlichen Frankreich, aus der Ile de France um Paris, kommen zum Einsatz

Die Fürsten sind zufrieden mit den Zuwanderern
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Ein europäisches Phänomen
    Die Siedlungsbewegung ist kein spezifisch deutsches Phänomen. In ganz Europa wird, von West nach Ost fortschreitend, Land kultiviert.
    Aus dem Pariser Becken wandern Kolonisten
    nach Süden, später auch Osten, zum Rhein. Die deutsche Ostsiedlung folgt dem Trend und mit ihr die tschechische, die Land in Ungarn unter den Pflug nimmt. Siedler aus Polen wandern nach Russland und vor allem in die Ukraine. Um 1300 dürften im Reich etwa 16 Millionen Menschen gelebt haben. Zwischen dem 12. und 14. Jh. ziehen etwa 500.000 bis 600.000 Personen nach Osten. Die Fürsten rufen und die Siedler kommen. Der deutsche Markgraf von Brandenburg zum Bei-
    spiel, die Hochmeister des Deutschen Ordens,
    oder die slawischen Territorialherren von Meck-
    lenburg, Rügen, Pommern und Böhmen. Nationale Motivation fehlt bei der Erschließung der neuen Ländereien, es zählen Arbeitskraft, Steuerein-
    nahmen, Verbesserung der Infrastruktur, wie
    z. B. der Wegebau. Die Stärkung der Wirtschaft steigert dieMacht des Landesherrn.

    Fürsten und Siedler

    Fürsten und Siedler


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    Kein "Drang nach Osten"

    Die mittelalterliche deutsche Ostsiedlungs-
    bewegung ist daher mit dem Kolonialismus der Neuzeit nicht zu vergleichen. Sie ist auch kein spontaner Massenaufbruch, der einem „Drang nach Osten“ folgt, da sie weder zentral gesteuert noch vom Reich gelenkt wird. Vor allem Söhne
    von Bauern und Adeligen, die auf keine existenz-
    sichernde Erbschaft rechnen können, wagen den Schritt in die Fremde. Sie bringen neue Agrar-
    techniken mit, die denen der eingesessenen Be-
    völkerung überlegen sind. Der eiserne Scharpflug, der die Erde tief umwälzt, ersetzt den slawischen Hakenpflug, der die Erdoberfläche nur schwach ritzt. Pferde lösen die bisher als Zugtiere ver-
    wendeten Ochsen ab. Die Sense wird eingeführt und die neuen Siedler wissen die Wälder rationell und in großem Umfang zu nutzen und zu fällen.
    Die neuen Agrartechniken erlauben eine Ertrags-
    steigerung bis zum Fünffachen der bisherigen Menge. Für ihre Leistungen erhalten die Kolo-
    nisten im Allgemeinen eine günstigere Rechts-
    stellung als sie in Heimat hatten. Da die weitaus meisten Siedler Deutsche sind, bürgert sich für dieses Kolonistenrecht der Name, „deutsches Rccht“ ein. Es sieht unter anderem Abgabefreiheit für die ersten Jahre vor, ebenso den möglichen Wiederverkauf des Nutzungsrechts für den Boden. Ein dichtes Netz von Dorf - und Stadtgründungen überzieht das Land. Bis 1500 sind es zwischen Elbe und Dnjepr, das in den Anfangszeiten aus-
    schließlich von Deutschen bewohnt wird, über tausend.

    Ein dichtes Netz von Dorf - und Stadtgründungen überzieht das Land.

    Dorf - und Stadtgründungen überziehen das Land
       
 

Siedler feiern in der neuen Heimat

Bauern in der neuen Heimat

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Nur noch Waldinseln

Der Landausbau bringt nicht nur neue Kultur-
flächen, er ruft auch manchen Zwist und sogar Zusammenstöße hervor, wie eine Urkunde aus
der Regierungszeit des Landgrafen Ludwig von Thüringen (1140 bis 1172) berichtet. Darin ent-
bietet der Landesfürst den rodenden Zuzüglern wohl seine Grüsse, doch dann folgen harsche Drohungen: Er fordert die Kolonisten auf, sein Land zu verlassen, sonst werde er sie mit Feuer vertreiben. Ihm und manch anderem Landesherren geht es um die Erhaltung der Wälder, die Scho-
nung des Wildes zur Befriedigung der Jagdlust. So konnten sich die Wälder Thüringens, am Harz, im Schwarzwald und anderswo bis zum heutigen Tage erhalten. Freilich, die großen Wildtiere, der Braunbär, der Elch, das Ur, finden in den klein gewordenen Revieren keine Existenzmöglichkeit mehr, sie verschwinden und mit ihnen der Wolf und der Luchs. Wie sehr die Kultivierung fort-
schreitet, berichtet eine Elegie des wohl berühm-
testen Dichters und Minnesängers seiner Zeit, Walther von der Vogelweide: Er sei erwacht und finde sich in einer anderen, fremden Welt wieder. Der Wald sei gerodet, die Fluren seien verteilt, es gebe keinen Freiraum mehr für Abenteuer oder neue Herrschaftsbildungen. Um 1105 holt Mark-
graf Wiprecht von Groitzsch die ersten fränki-
schen Siedler nach Sachsen. 1120 setzt die deutsche Besiedlung im Vogtland und im Vorland des Erzgebirges ein. Heinrich "der Löwe" wirbt flämische, holländische und niederdeutsche Bau-
ern für Holstein und Mecklenburg an, in Pommern fördert Herzog Barnim I. deutsche Siedlungs - und Stadtgründungen. In Stettin amtiert 1243 ein deutscher Schultheiß und Preußen steht ab 1283, nach der Eroberung durch die Ordensritter, der bäuerlichen Landnahme offen. Noch im 12. Jh. ruft der ungarische König Kolonisten von der Mosel nach Siebenbürgen und im 13. Jh. treffen deutsche Bergleute in der slowakischen Zips ein.


Landgraf Ludwig von Thüringen droht den Bauen und Siedlern

Landgraf Ludwig beobachtet die Bauern

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Kein "Drang nach Osten"
Zweiter Teil

Auch hier wird das „deutsche Recht“ eingeführt. Der Anteil der deutschen Bevölkerung an der slawischen ist lokal unterschiedlich hoch: Er beträgt im Durchschnitt ein Drittel bis zur Hälfte. In Pommerellen und im Baltikum siedeln fast keine Bauern, dafür lassen sich viele deutsche Ritter, Geistliche und Kaufleute in den großen Städten Riga, Reval und Dorpat nieder und bilden mit acht Prozent Bevölkerungsanteil die Ober-
schicht. In Böhmen wird die gesamte Randzone,
die zuvor gar nicht oder nur wenig besiedelt war, von deutschen Kolonisten urbar gemacht, während das alte Siedlungsgebiet des böhmisch - mähri-
schen Beckens - von wenigen deutschen Sprach-
inseln abgesehen - tschechisch bleibt. Um 1350 erlahmt die Abwanderung in den Osten: Die Pest hält in Europa ihren katastrophalen Einzug und rafft die Bevölkerung dahin. Dörfer sind ausge-
storben. Man muss nicht mehr in einem fremden Land Aufbauarbeit leisten.

Die Pest im Mittelalter wütet in ganz Europa

Die Pest im Mittelalter
In der Neuzeit heisst sie Hartz IV