Eigentlich hätten sich die Hungerperioden im Mittelalter und davon gibt es gar nicht so wenige - auf die Wachstumskurve der Bevölkerung aus-
wirken müssen. Das ist aber nicht der Fall.
Die im Zeitraum von 800 bis 1350 auftretenden zahlreichen Hungersnöte zeigen auf die Bevöl-
kerung keine Auswirkungen. Demographen ver-
muten, dass nur ganz bestimmte Bevölkerungs-
kreise Opfer des Hungers wurden, nämlich die physisch Schwachen: viele Kleinkinder. Alte und Arme. Bedauerlicherweise verrät die Statistik nicht, (genau wie heute im 21. Jahrhundert bei Hartz IV) wie sehr Unterernährung im Zusam-
menhang mit Infektionskrankheiten die Bevöl-
kerung des Mittelalters dezimierte. Masern zum Beispiel führen im Mittelalter bei durch Hunger geschwächten Kindern zum Tod. (Im 21. Jahr-
hundert geht die deutsche Bundesregierung wie-
der ins Mittelalter zurück. Masern gibt es zwar auch heute noch, doch daran stirbt kaum noch jemand. In der heutigen Zeit sterben die Menschen – besonders die Schicht der unschuldig arbeitslos Gewordenen - an unzureichender und ungesunder Ernährung, die mit einem Satz von 345 € nicht bezahlt werden kann).



sten gelangt. Mit geradezu unheimlicher Ges -
chwindigkeit erreicht sie 1346 Astrachan, springt von Handelsschiffen über das Meer und wütet be-
reits im Sommer 1347 in Konstantinopel. Zwölf Genueser Kauffahrteischiffe steuern Ende Sep-
tember Messina an und ab Oktober greift der schwarze Tod über Sizilien hinaus nach Norden. Drei oder vier Galeeren versuchen noch Genua anzulaufen doch die Kunde von von ihrer todbrin-
genden Fracht ist ihnen schon vorausgeeilt, die Kapitäne müssen wenden, ankern in Marseille,
hier weiß man noch nichts von der Katastrophe
die Italien heimsucht. Die Kenntnisse der Medi-
ziner des 14. Jhs. über Pestilenz und Ursachen sind denkbar dürftig. Wohl beschreiben Evagrius und Prokop bereits im 6. Jh. die Krankheitssymp-
tome, aber erst 1894 wird der Erreger während einer Epidemie in Hongkong entdeckt. Seine Wir-
te sind kleine Nager, im Besonderen Ratten, von denen er über den Pestfloh auf den Menschen übertragen wird. Solange der Floh über Wander-
ratten verbreitet wird, bleibt die Seuche auf ein bestimmtes Gebiet begrenzt, infiziert aber der Pestfloh die Hausratte, gelangt der Erreger mas-
senhaft in die menschlichen Siedlungsräume.
Das geschieht 1347. Die schlimmen hygienischen Zustände dieser Zeit sind ein ausgezeichneter Nährboden für die Verbreitung des schwarzen Todes. Dieser Name rührt von den Auswirkungen einer besonderen Form der Pesterkrankung her, von den schwarzblau verfärbten Flecken am ganzen Körper und Beulen in Achselhöhlen, an Lenden und anderen Stellen eines an Beulenpest Erkrank-
ten. Die so genannte Beulenpest ist gegenüber der Lungenpest noch die harmlosere Form der Er-
krankung, der Patient hat Chancen zu überleben, doch die Lungenpest ist absolut tödlich.

Der Pestüberträger: Die Ratte
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Die grosse Landflucht
Zu Pfingsten 1350 zieht der schwarze Tod in Lübeck ein und regiert in Bremen, ein Jahr danach in Hamburg. Schon 1349 ist Preußen
über die Ostseehäfen sein Opfer geworden und
ab 1351 ist man nirgendwo in Deutschland mehr sicher vor der Ansteckung. Die Verbreitung der Seuche wird durch die sanitär unzureichend ausgestatteten Wohnungen gefördert. Dazu trifft sie auf eine durch Engpässe in der Versorgung
mit Grundnahrungsmitteln physisch geschwächte Bevölkerung. Das Massensterben auf dem Lande führt zu einer Verringerung der Arbeitskräfte,
die Ernten können nicht eingebracht werden und die dramatische Verknappung an Lebensmitteln trifft wieder die Ärmsten und Schwächsten: Denn die Preise der Grundnahrungsmittel steigen, die für Grund und Boden verfallen gleichzeitig, weil niemand mehr für die Bewirtschaftung sorgt. In Massen flieht die Landbevölkerung in die Städte, im irrigen Glauben, dort Hilfe zu finden. Dörfer und Höfe verkommen zu Wüstungen. Adelige und kirchliche Grundbesitzer müssen empfindliche Einkommenseinbußen hinnehmen. Kleinbauern, die ihre Scholle nicht verlassen, profitieren, denn ihre Arbeitskraft ist begehrt und wird gut bezahlt. Um 1300 leben in Deutschland und Skandinavien etwa 11,5 Millionen Menschen. Hundert Jahre nach der großen Pest sind es noch immer erst 7,5 Millionen. Eine Regeneration der Bevölkerung setzt erst nach der Mitte des 15. Jhs. ein, die Bevölkerungszahl erreicht erst zu Beginn des 16. Jhs. den alten Stand.
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Den Zug des schwarzen Todes begleiten massen-
hysterische Exzesse bei Geißlerumzügen und Aus-
schreitungen gegen Juden.
Selbstgeißelung als Ausdruck gesteigerter Askese üben italienische Einsiedler schon im 11. Jh. Ab dem 13. Jh. formie-
ren sich die Geißler oder Flagellanten (lat. flagel-
lum = Geißel) unter dem Eindruck religiöser und sozialer Erregung sowie von Endzeiterwartung zu einer Massenbewegung. Zum ersten Mal treten 1260 in Perugia Geißler in der Öffentlichkeit auf.
Ein Jahr später erfasst die Bewegung Bayern und breitet sich in mehreren Wellen über fast ganz Europa aus. Der Straßburger Chronist Fritsche Closener berichtet 1349, dass zweihundert Geißler gekommen seien: Zweimal am Tage schlagen sie sich mit Geißeln. Aufnahme in die Bruderschaft findet nur, wer dreiunddreißigeinhalb Tage für die Sünden der Menschheit büßt.
Geißler, Hunger, Pest und die sozialen Spannungen in den Städten zwischen Altbewohnern und Zuwanderern werfen schließlich die Frage nach den Verursachern dieses Elends auf. Wer forderte Gottes Zorn in einem solchen Maße heraus, dass der die Menschheit so straft? Und schon wie zur Zeit des Ersten Kreuzzugs findet man die vermeintlich Schuldigen rasch: die Juden.



