DER KÖNIGSPALAST VON BRÜSSEL
Im imposanten Thronsaal, der durch mächtige Säulen auf quadratischer Basis und in drei Abschnitte gegliedert ist widerfuhr uns ein seltenes Glück: Nicht jedem ist es gegönnt, dass ihm zufällig ein Königspaar im Schloss begegnet, so wie es uns passierte. Zufällig und trotz Wachen begegnete uns Ihre Königlichen Majestäten König Albert und Königin Paola. Aber wie erwähnt, die Wache stand schon bereit und geleitete uns sanft, wenn auch etwas zu spät aus dem Raum.
Wer sich mit der Geschichte der Stadt Brüssel beschäftigt, wird schnell fest­stellen, dass sie sehr komplex ist. Dy­nastische Wirren und Revolutionen, mächtige und berühmte Gestalten haben sie geprägt und dazu beigetra­gen, dass die "Hauptstadt Europas" in ihrer heutigen Form entstand. Ursprünglich war Brüssel ein kleiner Marktflecken an der Senne, doch ver­größerte es sich unter dem Einfluss der Herzöge von Brabant und später der Herzöge von Burgund Schritt für Schritt. Vor diesem historischen und kulturellen Hintergrund muss man die Entstehung des Königlichen Palasts betrachten, dessen ältester Teil bereits im ausgehenden 11. Jahrhundert erbaut wurde.

Bild unten: Jeanette und ich in der Langen Galerie, die Ende des 19. Jahrhunderts von Van den Bos und Leon Gardon geschaffen wurde. Die Armsessel im Stil Louis-quatorze wurden dem Geschmack des 19.Jahrhunderts angepasst und mit kostbarem roten Damast überzogen.

Mehr Interessantes über die Entstehung des Palastes
Brüssel gewann im frühen 15. Jahr­hundert rasch an Bedeutung, als das Herzogtum Burgund zum Königreich der Niederlande gehörte. Herzog Phi­lipp der Gute machte die alte Festung in Brüssel zu seiner Hauptresidenz und begann ab 1431, den schlichten Bau in einen Herzogspalast zu verwandeln, der seiner Dynastie und der Stadt würdig sein sollte. Der Palast stand auf dem Couden­berg, einem Hügel unweit der Kathedrale Saint-Michel (früher St. Gudula­kirche). Bei neueren archäologischen Grabungen wurden die Überreste der prächtigen Großen Halle freigelegt, die zum Palais Coudenberg gehörte. Philipp der Gute hatte diese Halle, ein Juwel der gotischen Architektur, 1452 erbauen lassen, um hier Fest­lichkeiten und Empfänge abzuhalten.

Bild oben: Die Venedigtreppe bildet den Hauptzugang zu den oberen Stockwerken. 1867 schuf der Maler Jean-Baptiste Van Moer hier mehrere Bilder von Venedig und dem Canale Grande, die dem Treppenhaus seinen Namen gaben.

Im Verlauf des 15. und 16. Jahrhun­derts bewohnten viele Herrscher den nüchternen Ort und trugen zur wirt­schaftlichen wie kulturellen Entwick­lung der Stadt bei. Zu ihnen gehörten die Herzogin Maria von Burgund, die spätere Frau Maximilians 1., und der habsburgische Kaiser Karl V. Während seiner Regierungszeit blühten in Brüssel und ganz Flandern die Künste und Wissenschaften. 1522 ordnete Karl V. den Bau einer Kapelle im gotischen Stil an, die unter architektonischen Gesichtspunkten eine Verlängerung der Großen Halle bildete. Ab 1596 lebte in dem Palast die Enkelin von Karl V., die Infantin Isabella, mit ihrem Gatten, Albrecht VII. von Habs­burg und Generalgouverneur der Nie­derlande. Beide waren in Brüssel und Umgebung sehr beliebt. Sie förderten nicht nur Künste und Handwerk, son­dern erwogen auch als Erste die Un­abhängigkeit Belgiens von den Nie­derlanden.
Hier befinden sich Jeanette und ich im Empiresaal, dem ältesten Flügel des Palasts und einer der prächtigsten im gesamten Schloss. Hier residierte der österreichische Statthalter, als Belgien noch zum Reich der Habsburger gehörte. Der erste Entwurf stammte von Louis Joseph Montoyer, doch gestalteten verschiedene brühmte Architekten den Raum später um. Durch die Halbsäulen, die gewölbte Decke mit Flachreliefs und die Kronleuchter im Stil Louis-seize, die ältere im Empirestil ersetzten, und die herrlichen Möbel wirkt der Saal besonders prunkvoll. Hier feiert man noch immer grosse offizielle Anlässe, zum Beispiel fand hier die standesamt-
liche Hochzeit des amtierenden belgischen Königpaares Albert und Paola statt.

Im Goyasaal wurden wichtige österreichische Gäste untergebracht. Der Name des Saals bezieht sich auf die grossen Wandbehänge aus der königlichen Manufaktur von Santa Barbara in Madrid. Bild unten: Der Grosse Weisse Salon gehörte zu den Gemächern, in denen hohe österreichische Würdenträger logierten.

Bild oben: Wegen der grossen Vase - die Jeanette scherzhaft als "den königlichen Sektkübel" bezeichnet hatte - aus Berliner Porzellan aus dem 19.Jahrhundert (links) heisst der hier abgebildete Salon Vasensaal. Bemerkenswert sind daneben auch der Kronleuchter im Stil Louis-quatorze und die Büste Leopolds II. im Hintergrund.
Bild oben: Hier befinden sich Jeanette und ich im Marschall-Salon, der ursprünglich als Audienzsaal diente. Ab dem 19. Jahrhundert wird er als Speisesaal und Salon genutzt. Hier hängen auch Porträts von König Leopold und Königin Louise. Rechtes Bild: Eine Marmorstatue der Minerva beherrscht das von Alphonse Balad entworfene Grosse Treppenhaus. Die Treppe sollte den Weg zu den Empfangssälen verkürzen und diesem Teil des Gebäudes Glanz verleihen.
Bild oben: Eine Marmorstatue der Minerva (rechts oben hinter mir) beherrscht das von Alphonse Balad entworfene Grosse Treppenhaus. Die Treppe sollte den Weg zu den Empfangssälen verkürzen und diesem Teil des Gebäudes Glanz verleihen.

Der Glanz des Herzogspalasts sollte indes nicht lange währen. Ein Brand zerstörte ihn in der Nacht zum 3. Fe­bruar 1731. Über 40 Jahre lang häufte sich der Schutt an der Place des Bailles, der heutigen Place Royale, an jener Stelle, an der der Palast einst gestanden hatte. 1780 wurde Joseph II. durch den Tod seiner Mutter Maria Theresia Alleinherrscher in den habsburgischen Erblanden. Er begann mit dem Bau des Königlichen Palasts. Im Süden der Warande, die das ehemalige Palais Cou-
denberg umgeben hatte, ließ der Monarch vier Gebäude errichten. Der erste Teil des Gouverneurspalasts von Brüssel bot dem Statthalter des Königs der Nieder-
lande Domizil; hier waren auch Diplomaten und Militär­führer untergebracht.

Der Bau selbst fügte sich in ein architektonisches Gesamtkonzept, das die Neu-
gestaltung des Quartier Leopold vorsah. Verschiedene Architekten, in erster Linie jedoch Guimard und Zinner, sollten den Park neu entwerfen, den zu jener Zeit vier Straßen mit wunder­baren Häusern umschlossen. Auf der Basis eines Plans, den der Architekt Barre vorgelegt hatte, legte man die Place Royale über der ehemaligen Place des Bailles an. 1785 wurde die Hofkirche Saint -Jacques-sur-Couden­berg vollendet, die den Platz überragt. Unter der Herrschaft der Österreicher (1713-1794) verwandelte man zwei der vier Gebäude in Residenzen für die Diplomaten Luigi von Barbiano Belgiojoso und Baron Bender. In den darauf folgenden Jahr-
zehnten gestaltete sich die politische Situation unter dem Einfluss der Franzö-
sischen Revolution zunehmend schwieriger, zumal Joseph II. bei seinen Untertanen nicht gerade beliebt war.

Die Brabanter Revolution hatte die provi­sorische Unabhängigkeit der Niederlande von Österreich zur Folge. Nach dem Tod Josephs II. im Jahr 1790 regierte Kaiser Leopold II. mit eiserner Hand, um jeden weiteren Aufruhr im Keim zu ersticken.
1797 geriet Brüssel unter französische Herrschaft, doch zeigten die Franzo­sen kein Interesse an der Architektur der Stadt, sodass es in jener Zeit nicht zu Verän-
derungen kam. Nach dem Sturz Napoleons im Jahr 1815 erklärte man Wilhelm I. zum König der Nie­derlande und machte Brüssel zusam­men mit Den Haag zur Hauptstadt. Sogleich beschloss der Staatsrat, end­lich eine angemessene königliche Residenz in Brüssel zu erbauen. Man kaufte das gesamte Gebiet um die Residenzen Benders und Belgiojoso zurück und engagierte zahlreiche Ar­chitekten, die Pläne für eine Verbindung der beiden Gebäude entwarfen. Gislain Joseph Henry begann mit dem Bau einer majestätischen, von fünf Säulen getragenen Arkade, welche die Rue Heraldique überspannen sollte, doch starb er, ehe sein Projekt vollendet war.
Henrys Nachfolger Charles Vander Staeten konnte den Bau ebenfalls nicht zu Ende führen, da es an Geld mangelte. Der letzte mit dem Umbau betraute Architekt, Charles Tielman Francois Suys, ließ die begonnene Arkade abreißen. An ihre Stelle trat eine Säulengalerie mit sechs korinthischen Säulen. Die Rue Heraldique verwan-
delte er in den Innenhof des Schlosses. 1829 waren die Arbeiten abgeschlossen, doch wirkte der Palast immer noch nicht wie eine Königsresidenz, sondern eher wie das pompöse Empfangsgebäude einer erfolgreichen Bürgersfamilie. Im darauf folgenden Jahr fand das Projekt ein jähes Ende, als in Brüssel die nationale Revo-
lution ausbrach, die sich gegen Wilhelm I. und die Abhängigkeit von den Niederlan­den richtete. Die Belgier erkämpften ihre Unabhängigkeit und ernannten 1831 Leo­pold I. von Sachsen-Coburg-Gotha zu ihrem König. Er siedelte in den Brüs­seler Palast über, nahm jedoch keine wesentlichen Umbauten vor.

Lediglich den prächtigen Palast Karls von Loth­ringen, in dem er seine offiziellen Empfänge abhielt, ließ Leopold im Stil von Versailles ausstatten. Im Unter­schied zu seinem Vater interessierte sich Leopold II., der Herzog von Brabant und designierte Thronfolger, überaus stark für die Architektur des Königlichen Palasts. 1858 stellte er den Architekten Alphonse Balat ein, der über 50 Jahre lang für Leopold arbeiten sollte. In dieser Zeit entstand unter anderem der linke Flügel des Palasts, den der Herzog zu seinem privaten Domizil machte. Nach und nach stattete er das Ge-
bäude mit Brunnen und Glasflächen aus. Die Erweiterungs- und Erneuerungs-
pläne, die man bereits Leopold I. unterbreitet hatte, kamen nun alle ohne Probleme zur Verwirklichung, zumal Belgien als aufsteigende Nation im Kreise der euro-
päischen Kolonialmächte zu jener Zeit über genügend finanzielle Mittel verfügte. Auf diese Weise konnte Alphonse Balat in den darauf folgenden Jahren den Palast vollständig umgestalten und ihn Zug um Zug in eine echte und angemessene königliche Residenz verwandeln.

Zu den größten Projekten gehörte der Umbau der Fassade, die nun im Stil Louis-seize gehalten war und sich harmonisch in das Quartier Leopold einfügte. Ab 1861 lagen die Arbeiten, die zuletzt nur schleppend vorange­kommen waren, jedoch brach, da nun weniger Geld zur Verfügung stand. Erst als Leopold II. den Thron bestieg, ging man daran, das Innere des Pa­lasts zu verschönern. Die Aufmerk­samkeit galt zunächst der Haupttrep­pe, dann den Sälen, in denen Gäste des Brüsseler Hofs logierten. Nach­dem man sie renoviert und neu möb­liert hatte, begann man, die Emp­fangsräume neu auszustatten. Balat entwarf auch die Große Galerie, den Thronsaal und den Salon des Denkers, der noch heute als Totenzimmer für Mitglieder der königlichen Familie dient.

Über eleganten Säulen können Besucher im Thronsaal Flach­reliefs des berühmten französischen Bildhauers Auguste Rodin bewundern. Beachtung verdient auch der Marmorsaal. Hier hängen über den Feuerstellen Gemälde von Louis Joseph Gallait, die Kaiser Karl V. und Gottfried von Boullion zeigen. Über den beiden breiten Türen, die in die zwei Palastflügel führen, zieren Flach­reliefs von Thomas Vincette die Wän­de. Sie zeigen die beiden Flüsse, die Belgien durchqueren, die Maas und die Scheide. Eigentlich sollte der Um­bau des Schlosses bereits 1860 abge­schlossen sein, doch dauerten die Arbeiten noch weitere 20 Jahre. 1903 stellte der Staat schließlich die Gelder zur Verfügung, die man be­nötigte, um die Erneuerung der Fas­sade abzuschließen. Der Architekt Maquet führte die Maßnahmen nach Balats Originalplänen durch. Leopold II. zeigte sich den­noch nicht vollständig zufrieden und wünschte weitere Umbauten, die ei­nen harmonischeren Gesamteindruck schaffen sollten. Er kaufte das alte Hotel Bellevue und gliederte es mit­hilfe eines halbkreisförmigen Pavil­lons in den Palast ein.

Am gegenüber­liegenden Flügel verfuhr er ähnlich mit dem Hotel Walkiers. Danach legte man vor der Hauptfassade einen Gar­ten an und verschönerte den Ziergie­bel mit einem allegorischen Flach­relief von Vincette, das den Titel "Belgien zwischen Landwirtschaft und Gewerbe" trägt. Im Inneren schuf man weitere Räume, unter anderem den Spiegelsaal und die Fontainebleau Appartements. Der König verfolgte noch weiter ge­hende Pläne, doch zeigte nach sei­nem Tod im Jahr 1909 niemand mehr Interesse. Seitdem fanden im Quartier Lèopold keine größeren Umbauten mehr statt, sieht man von der Moder­nisierung der Rue Bellevue ab, die in Place des Palais umbenannt wurde. Die königliche Familie lebte bis 1935 in der Residenz. Nach dem frühen Tod von Königin Astrid entschied ihr Ehemann, Leopold III., nach Schloss Laeken überzusiedeln, und seine Nachfolger behielten diesen Wohnort bei. Heute stellt das Gebäude, das über den Ruinen des ehemaligen Her­zogssitzes von Coudenberg erbaut wurde, ein schönes Beispiel für die Architektur des 18. und 19. Jahrhun­derts dar. Es dient als Verwaltungs­zentrum und wird nach wie vor für königliche Empfänge genutzt

Etwa gegen 20 Uhr holte uns ein Chauffeur unseres Hotels am Palast ab. Das war nicht selbstverständlich, aber ein höchst entgegenkommender Service des Hotels in welchem wir wohnten. Man musste nur an der Rezeption bescheid sagen, wo man sich befindet und wann man ungefähr abgeholt werden möchte. Ausser einem Trinkgeld für den Chauffeur war der Service kostenlos.
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