1674 wurde Fürst Wilhelm III. von Oranien (1650-1702) zum Erbstatthalter der Niederlande ernannt und erhielt gleichzeitig das Jagdrecht für die waldreiche Veluwe. Die dünn besiedelte Region war reich an Wild, und so beschloss Wilhelm, der sich nur allzu gerne die Zeit mit der Jagd vertrieb, sich hier einen Jagdsitz zu erbauen. Im Jahr 1676 richtete man ein Haus in Hoog Soeren für ihn her. Damit gab Wilhelm sich jedoch nicht zufrieden: Im November 1684 erwarb er den Besitz Het Loo, um auf dem Gelände ein neues und würdevolleres Jagd­schloss errichten
zu lassen. Im September 1685 waren bereits die Außen­arbeiten für den mittleren Teil, das Corps de Logis, abgeschlossen. 1686 kamen die Fassade und die Flügel hinzu, die ursprünglich durch Kolonnaden mit dem Haupthaus verbunden waren.

Gleichzeitig zog man die Mauern hoch und legte die Gärten an. Der holländische Architekt Jacob Roman (1640-1716) hatte die Leitung des Projekts inne, das vermutlich auf Plänen der Academie d'Architecture de Paris beruhte. Auch der französische Architekt Daniel Marot d. Ä. (um 1663-1752) wirkte an dem Bau mit, jedoch erst, als dieser bereits zu weiten Teilen fertig gestellt war. Daniel Marot gehörte zu den französischen Hugenotten, die nach der Aufhebung des Edikts von Nantes im Jahr 1685 in die Niederlande geflohen waren. Hier stellte ihn Wilhelm III. von Oranien als Chefarchitekt ein. Der Einfluss von Marot d. Ä. ist in Het Loo vor allem an zahlreichen Details und verschiedenen dekorativen Ele-
menten zu erkennen, die dem Schloss den letzten Schliff gaben.

Hier sieht man die Rückseite des Corps de Logis, die sich zum unteren Garten hin öffnet. Der Venusbrunnen steht unterhalb der Treppe, die zum königlichen Ge-
bäude hinaufführt.
Het Loo stieg zum bevorzugten Jagd-­und Landsitz Wilhelms und seiner Gattin Mafia H. Stuart (1662-1694) auf. Bis zum Tod des Fürsten im Jahr 1702 ver-
änderte man das Schloss immer wieder und verschönerte es sowohl innen als auch aussen. Nicht nur das Gebäude stand dabei im Mittelpunkt des Interesses, sondern auch die Gärten und die weitere Umgebung, die man als wichtige Teile eines Ensembles betrachtete.
Ein bisschen mehr über Het Loo

Zu jener Zeit galt Symmetrie als architektonische Idealvorstellung, und so orientierten sich Schloss und Park an­ einer zentralen Achse mit spiegelbild­lich angeordneten Komponenten auf jeder Seite. Im Inneren bildeten Ein­gangshalle, Treppe und Große Halle im ersten Stockwerk diese Achse. Im Westen und im Osten der Großen Halle lagen entsprechend die Gemä­cher des Königspaars. Die Zimmer der Höflinge und der Speisesaal be­fanden sich im Erdgeschoss. Terrassen umschlossen den Haupt­garten von drei Seiten. Er gliederte sich in einen Oberen und einen Un­teren Garten. Um die Einheit von Haus und Park zu betonen, ver-
suchte man den Unterschied zwischen innen und außen zu verwischen.
So bemalte man zum Beispiel die Wände des Treppenhauses und der Haupthalle mit perspektivischen Szenen, die den Eindruck vermittelten, man befände sich im Freien. Der Durchgang vom Schloss zum Garten lag exakt in der Mitte der Gebäu-
derückseite und bestand nicht aus einer einfachen Tür, sondern aus offenen, vergoldeten Eisengittern. Daniel Marot d. Ä. entwarf Pläne für viele verschiedene Teile des Schlosses und des Gartens, wobei er bestimmte Stilgesetze streng beachtete und dadurch ein hohes Maß an Einheitlichkeit erreichte.

Als Wilhelm III. von Oranien 1689 den Thron von England, Schottland und Irland bestieg, nahm auch die Bedeutung von Het Loo zu. Zwischen 1691 und 1694 ersetzte man die Kolonnaden durch vier Pavillons mit Sälen und Gemächern. Am Nordende des Gartens legte man einen neuen, von einem Wall umschlossenen Teil an, sodass die Allee, die zum Palast führte, nun innerhalb der Grenzen des Besitzes lag und diesen von einer Seite zur anderen durchquerte.

Durch künstliche Kanäle floss das Wasser, das man zur Gestaltung des Gartens benötigte. In unmittelbarer Nähe zum Wall entstand ein Park, der allerlei Zeit-
vertreib bot. Hier befanden sich ein kleines Wäldchen, ein Labyrinth, eine Voliere und viele schmale Kanäle, in denen verborgene Springbrunnen unvermutet Was-
serspiele erzeugten. Darüber hinaus gab es Gemüsegärten, Fischteiche, Hunde-
zwinger und Falkenhäuser. Die Ställe, die Orangerie und die Kutschen waren in einem Flügel des Schlosses untergebracht. Der Architekt Philipp W. Schonck (1735-1823) verwandelte den Oberen Garten in einen englischen Garten, wie es der Mode seiner Zeit entsprach. Aus Rechnungen und anderen Dokumenten jener Zeit geht hervor, dass der Erhalt des Baus und der Gärten im 18. Jahrhundert hohe Kosten . verursachte. 1795 wurde der gesamte Garten geplündert und blieb verwüstet zurück.
1.Bild oben: 1692 entwarf Marot d. Ä. den Originaldekor der Grossen Halle (auch Audienzsaal genannt), der bis heute erhalten blieb. Die Landschaften malte Jan Glauber. Dieser Saal wird auch Abdankungssaal genannt, da Wilhelm I. hier im Jahr 1840 sein Amt niederlegte. Der alte Speisesaal wurde nur zwischen 1686 und 1690 benutzt. An den Wänden hängen Tapisserien, die Meleagros und Atalante, Kephalos und Prokris, vier Gestalten aus Orvids "Metamorphosen" zeigen.
Zwischen 1807 und 1809 veränderte Het Loo sein Aussehen erneut, als Louis Bonaparte (1778-1846) es zu seiner Sommerresidenz erklärte. Der Bruder Na-
poleons I. regierte von 1806 bis 1810 als König von Holland. Er ließ die Außen-
mauern des Schlosses mit grauem Stuck überziehen, in den man Rillen einritzte, um den, Ein­druck natürlicher Steinquader zu erwecken. Die neuen Fenster im
Empirestil erhielten Fensterläden. Der Architekt Alexandre Dufour (1750-1835) entwarf einen Plan für die landschaftliche Gestaltung, die eine Umstrukturierung von Park und Gärten einschloss. Um eine ebene Oberfläche zu erhalten, ent-
fernte man die Terrassen und füllte die tiefer gelegenen Teile des Parks auf. Als Wilhelm I. (1772-1843) im Jahr 1815 den niederländischen Thron bestieg, diente Het Loo dem Staatsober­haupt als Sommerresidenz.
Der Monarch bedauerte zwar den Verlust des alten Gartens, unternahm aber nichts, um die Veränderungen rückgängig zu machen. Er ließ lediglich sechs recht­eckige Fischteiche ausheben, um den zweistöckigen künstlichen See wie­derherzustellen. In die Mitte setzte man eine Insel; außerdem rundete man die Ecken des Sees ab und be­pflanzte das Ufer dicht mit Bäumen und Büschen - vor allem Rhododend­ren -, um dem See ein natürliches Aussehen zu verleihen. Der Sohn und Nachfolger Wilhelms I., Wilhelm H. (1792-1849), interessierte sich nicht besonders für Het Loo, während sich sein Sohn Wilhelm III. (1817-1890) häufig hier aufhielt. Er . ließ eine Gemäldegalerie anbauen, die auch als Foyer für das 1875 im Ostflügel hinzugefügte Theater diente. Außerdem begeisterte sich der Mo­narch für exotische Pflanzen und sel­tene Bäume. Das Arboretum, das er östlich des von einem Wall umschlos­senen Gartens anlegte, erinnert noch heute an diese Lieblingsbeschäftigung des Herrschers. Zu jener Zeit entstanden auch der hölzerne Teepavillon und das Badehaus in der Nähe des künstlichen Sees.
Ganz oben: Dieses Poträt von Jean Henry Brandon zeigt Wilhelm III. von Oranien, den Erbstatthalter der Niederlande und späteren König von England, Schottland und Irland. Der Monarch liess das wundervolle Schloss Het Loo errichten und veranlasste später weitere An - und Umbauten. Das untere rechte Portät aus dem 18. Jahrhundert malte ebenfalls Jean Henry Brandon. Es zeigt Maria II. Stuart, Gattin Wilhelms III. von Oranien, die Het Loo wesentlich mitgestaltete.

Da Wilhelm II. eine Vorliebe für gotische Kunst hatte, stattete man sein Gemach mit Rosenholzmöbeln im neugotischen Stil von Matthieu und Horrix aus. Kabinett und Ankleidezimmer von Königin Wilhelmina lagen ursprünglich im ersten Stock.In diesem Raum bewahrte sie Erinnerungen an Ahnen auf, die ihr besonders nahe-
standen, z.B. die vergoldete Holzbüste Wilhelms I. von Oranien, genannt der Schweiger.
Die Wände der langen Galerie sind mit grünem Damast verkleidet. Dazwischen hängen Bilder von Mitgliedern des Hauses Nassau - Oranien und der friesischen Linie von Nassau - Dietz. Marot d.Ä. entwarf den Privatgarten von Königin Maria, auch Königinnengarten oder Prinzessinnengarten genannt.
Noch ein wenig Geschichte über Het Loo:

Noch im selben Jahrhundert strich man den Stuck weiß an und entfernte die lächerlich wirkenden Rillen. Die Tochter Wilhelms III., Königin Wilhelmina (1880-1962), ließ einige Gemächer im Stil der Zeit von Wilhelm III. von Oranien her-
richten. 1911 unterbrach man diese Arbeiten, um das gesamte Schloss zu erweitern. Es wurde zum Teil erhöht und erhielt Anbauten auf der Ostseite, die jedoch dem symmetrischen Gesamteindruck eher schadeten. 1948 dankte die Königin zugunsten ihrer Tochter Juliana ab und zog sich nach Het Loo zurück. Nach dem Tod ihrer Mutter im Jahr 1962 lebte Prinzessin Margarete mit ihrem Ehemann Pieter van Vollenhoven von 1967 bis 1975 im Schloss ehe sie mit ihren vier Söhnen in ein neu erbautes Haus im Park umzogen. Das jüngste Kapitel der Geschichte von Het Loo begann 1970, als man sich entschied, das Schloss in ein Museum umzuwandeln.
1974 wurde dann entschieden, die im 19. und 20. Jahrhundert vorgenommenen Veränderungen rückgängig zu machen, um dem Schloss sein historisches Aus-
sehen zurückzugeben. In diesem Zusammenhang musste man auch die Gärten wieder in ihren ursprüngli­chen Zustand versetzen, um ein ein­heitliches Gesamtbild zu schaffen. Die Umbauarbeiten dauerten von 1977 bis 1984. Heute soll die Aus-
stattung des Corps de Logis und die der Pavillons einen Eindruck davon vermit-
teln, wie die verschiedenen Fürsten und Könige mit ihren Familien im Schloss lebten. Die Möblierung erfolgte anhand von Dokumenten aus den jeweiligen Epo­chen. Bei den Unterlagen aus dem 17. und 18. Jahrhundert handelt es sich überwiegend um Inventarlisten, Rech­nungen, Beschreibungen und Drucke von Daniel Marot d. Ä. Aus der Zeit vor 1795 sind nur wenige Objekte erhalten. Um diese Lücke zu füllen, wählte man die Möbel anhand der Inventarlisten aus.
Aus dem 19. und 20. Jahrhundert existieren dagegen die meisten Stücke noch, ebenso wie Aquarelle und Fotografien einiger königlicher Gemächer und eine wertvolle Uhrensammlung. Bild oben: Der Andenken-Shop in Het Loo.
Die verschiedenen Herrscher bewohnten nacheinander dieselben Gemächer, deshalb versuchte man, jeden Raum einem von ihnen zuzuordnen und ihn entsprechend auszustatten. Lediglich den Erbauern des Schlosses, Wilhe1m III. von Oranien und seiner Gattin Maria II. Stuart, widmete man ihre ursprünglichen Suiten. Zu diesem Teil des Gebäudes hatten stets nur hochrangige Würdenträger und ein kleiner Kreis von persönlichen Freun­den des Paars Zutritt. Im Schloss gibt es keine Korridore, sodass jeder Raum direkt in den nächsten führt. Zu den Sälen, die Besuchern zugänglich sind, gehören der Alte Speisesaal mit seinen originalen Wandteppichen, der Neue Speisesaal mit den für Marot d. Ä. typischen goldgestreiften Säulen, die Weiße Halle und der Steinsaal. Die Kapelle mit Deckenverzierungen von Marot d. Ä. und einem Altar, der für protestantische Gottesdienste der Königin Maria 11. Stuart hergerichtet wurde, stehen dem Publikum eben­falls offen. Hochzeiten fanden hier niemals statt, doch ließ die königliche Familie ihre Kinder hier konfirmieren. Im Ostflügel des Schlosses befinden sich Gemälde, Drucke, Medaillen, Kunstgegenstände, Kleidungsstücke, Fahnen und Dokumente, die die Ge­schichte der Oranier erhellen.
Im Erdgeschoss des Westflügeis lagen ursprünglich die Ställe für die königlichen Pferde. Im ersten Stock war das Museum des niederländischen Ritterordens untergebracht. Es umfasst die größte europäische Sammlung dieses Ordens, der lediglich die Kol­lektion im Musee de la Legion d'Hon­neur de Paris in etwa gleich-
kommt. Aufgrund von Unterlagen der Acade­mie d'Architecture de Paris weiß man, dass der niederländische Botschafter 1684 bei einem hochrangigen Anony­mus - der sich später als Fürst von Oranien entpuppte - um Pläne für einen Palast oder Jagdsitz ersuchte. Die Zeichnungen gingen jedoch ver­loren, sodass sich nicht mehr feststel­len lässt, ob Het Loo in Übereinstim­mung damit erbaut wurde.

Stilistisch entsprechen die Anlage und das klassizistische Gebäude eher der niederländischen als der französi­schen Tradition des ausgehenden 17. Jahr-
hunderts. Das Innere des Schlos­ses steht klar unter dem Einfluss des Stils
Louis-quatorze, Die Gärten konn­te man dank zahlreicher Informations­quellen weitgehend wiederherstellen, Im 17. und 18. Jahrhundert waren sie weithin berühmt: Sie erscheinen auf Drucken und finden in Briefen und Tagebüchern bekannter Reisender Er­wähnung. Heute stellt der Park ein Musterbeispiel für
die Gartenbaukunst des Barock dar und vermittelt einen Eindruck von der niederländischen Kultur des 17. Jahrhunderts.

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